Zur Theologie eines deutschen Romanciers

Alle Merkmale des Thomas-Mannschen Altersstils sind in dem jüngsten Werk noch schärfer herausgearbeitet als im „Doktor Faustus“: die Verschanzung des Romanciers (und seiner Verantwortung) hinter die Figur eines vorgeschobenen Erzählers, der weder ganz verschieden von ihm ist noch ganz identisch mit ihm; der häufige Wechsel der Sprachtöne und das Vergnügen am Parodieren; die preziöse Ausmalung historischer Szenerien. In der deutschen Literatur unserer Jahre, die die scharfe, direkte Ansage von Vorgängen liebt und sich weitaus mehr an Kafka orientiert als am frühen Hofmannsthal, ist „Der Erwählte“ (bei S. Fischer, Frankfurt a. M., 323 S., Leinen DM 15,–) eine erlesene Zeitwidrigkeit. Der stilisierende Manierismus der Form, von den Jüngeren unbedingt und mit Groll verpönt, wird hier bis zum Maskenspiel vorgetrieben. Die heiklig fromme Legende von dem halbwissentlichen Erzsünder Gregorius, der ein Erzbüßer wurde und auf dem päpstlichen Stuhl Wunder der Gnade wirkte, trägt der irische Mönch, dessen Feder Thomas Mann führt, fast nach Boccaccios Art vor. Die Frivolität gestattet sich manches Pläsier, und der moralischen Säuerlichkeit wird mit mildem Spott heimgeleuchtet. Denn Thomas Mann der Romancier hat nun (anders als Thomas Mann der Politiker ehedem) im Sinn, die Sünde vom Sünder zu trennen, die schlimme Handlung (hier: den Inzest) vom Handelnden. Er bestreitet mit Origenes, Claudel und dem Verfasser des „Doktor Faustus“ die Unwiderruflichkeit der Verdammnis und spürt aus der alten Gregorius-Legende eine christliche Unterströmung heraus, die sich dem durchschnittlichen Rigorismus der Kirchen entzieht und die Reue als das Gnadenmittel der Erwählten erkennt. „Darum ist’s große Politik, daß Gnade vor Recht gehe ...“

So steht doch auch die Künstlichkeit, die scheinbar sich selbst genügende Virtuosität, im Dienste eines Gedankens, der unserer Zeit zwar fremd ist, aber nicht ganz abhanden kommen dürfte: des paulinischen Gedankens, daß „an keinem verzweifelt werden muß“. C. E. L.