Von Claus Jacob!

Der Abbé Sieyés antwortete einst auf die Frage, was er denn in den Schreckenstagen der Französischen Revolution gemacht habe, lakonisch: „Ich blieb am Leben.“ Der europäische Staatsmann, der die größten Chancen hat, auch nach einem dritten Weltkrieg das gleiche sagen zu können, heißt Francisco Franco Bahamonde.

Den zweiten Weltkrieg hat er bereits mit Erfolg überstanden. Könige verloren ihre Kronen. Völker wurden ausgerottet. Die ersten Atombomben fanden ihr Ziel. Als der Krieg zu Ende war, lagen zwei Großmächte – Deutschland und Japan – zerschmettert am Boden, eine dritte – England – hatte Mühe, sich zu behaupten. Franco blieb am Leben. Ja, er blieb nicht nur am Leben, obwohl er die verlierende Partei unterstützt hatte, sondern er, als erklärter Faschist, ging gestärktaus dem Weltfeldzug gegen den Faschismus hervor.

So begann es: Im Jahre 1931 wurde nach mehr als siebenjähriger Herrschaft die Militärdiktatur des Generals Primo de Rivera gestürzt. König Alphons XIII. verließ Spanien. Die Republik wurde proklamiert. Zwei Jahre später gründete ein Sohn Primo de Riveras die faschistische Falange (er wurde im Bürgerkrieg erschossen; sein Bruder ist heute spanischer Botschafter in London). 1936 errang die rote „Volksfront“die Macht. Jetzt erhoben sich die Armee und ein Teil der Flotte gegen die republikanische Regierung. Doch erst als der Führer der Rebellen, General Sanjurjo, am ersten Tage durch einen Flugzeugabsturz ums Leben kam, da erst betrat Franco, ab ehemaliger Generalstabschef Spaniens, der von den Roten auf die Kanarischen Inseln strafversetzt worden war, die politische Bühne. Er übernahm die Leitung des Aufstandes und wurde noch im gleichen Jahr zum Staatsoberhaupt ernannt.

Welcher Zauber bewirkte es, daß dieser Mann sich vom Militär zum Staatsmann entwickelte? Er liegt in seiner Befähigung, maßzuhalten, wenn andere das Maß verlieren.

„Mit diesem Jesuiten kann man nicht verhandeln“, hatte Hitler wütend erklärt, als sich der spanische Außenminister Serano Suñer bei seinem Berliner Besuch 101 September 1940 nicht von der „Vorsehung“ überfahren ließ. Und also machte sich der Führer in einem Sonderzüge selber auf, um den Caudillo am 25 Oktober auf dem französisch-spanischen Grenzbahnhof Hendaye zu treffen und zum Kriegseintritt an der Seite der siegreichen Achsenmächte zu bewegen. Strahlend Stand Hitler auf dem roten Plüschläufer, als Francos Zug einlief. „Ich bin glücklich, Sie zu sehen, Führer!“ – „Endlich geht ein alter Wunsch In Erfüllung, Caudillo!“ In dem altmodischen Salonwagen des Generalissimus wird das Gespräch unter vier Augen fortgesetzt. Es dauert neun Stunden. Hitler setzt sogleich zu einem seiner berühmten Monologe an. Doch schon nach wenigen Worten, als er in üblicher weitausholender Weise das Scheitern seiner Verständigungsversuche mit England rechtfertigen will, unterbricht Franco: „Mit den Engländern darf man in der Politik eben nicht Galopp reiten, Führer. Churchill hätte seinen Einfluß nie auf die gemäßigten Konservativen ausdehnen können, wenn Ribbentrop englischen Trab geritten hätte.“ Hitler verliert den Faden. Francos Einwände machen ihn nervös. Francos Forderungen für Spaniens Kriegseintritt aber lassen ihm das Blut in die Wangen schießen. Als der ehemalige Gefreite von der zweiten Besprechung mit dem Generalissimus in seinen Zug zurückkehrt, spricht er: „In der preußischen Armee, wäre Herr Franco nicht einmal Unteroffizier geworden.“ Der deutsch-spanische Geheimvertrag kam nicht zustande. Jene Verhandlungen aber sind Hitler stets im Gedächtnis geblieben. „Lieber würde ich mir drei odervier Zähne ziehen lassen“, sagte er später zu Mussolini in Florenz, „als das noch einmal mitmachen...“

Anderthalb Jahre darauf, im Februar 1943, als sich das Kriegsglück zu wenden begann, hielt Winston Churchill in der Downing Street Nr. 10 ein seltsames Schreiben in Händen. Gerade hätten die deutschen Armeen vor Stalingrad und El Alamein ihre ersten schweren Schlappen erlitten – und schon schrieb Spaniens Staatschef an den britischen Premier: „Unsere Beunruhigung über den russischen Vormarsch wird nicht nur von anderen neutralen Völkern geteilt, sondern von allen Menschen in Europa, die nicht die Fähigkeit zu einer klaren Übersicht verloren haben... Wenn der Kriegsverlauf so weitergeht, dann ist es klar, daß die russischen Armeen bis tief in das deutsche Gebiet vordringen werden... Unserer Meinung nach wird sich die russische Gefahr... noch weiterhin gewaltig steigern, und wir fragen: Gibt es dann noch irgendeine Macht in Mitteleuropa ..., die in der Lage wäre, die ehrgeizigen Pläne Stalins abzuwehren? Doch augenscheinlich nicht...“