Das „Derby der Lyrik“ ist gelaufen. Zu seinem Start wurden hier (in Nr. 7, 15. Februar) einige Bemerkungen gemacht. Es ist daher wohl billig, auch das überraschende Ergebnis zu verzeichnen: Gottfried Benn hat sich als bestes Pferd im Stall der neueren deutschen Dichtung erwiesen,

Wir erinnern noch einmal an den Vorgang: Zwanzig Lebende, teils selbst Dichter, teils Kritiker, Philosophen (Max Bense, Martin Heidegger), Journalisten, dazu eine Bildhauerin (Renée Sintenis) und zwei Schauspieler (Pamela Régnier-Wedekind und Mathias Wieman) hatte der Wiesbadener Limes-Verlag gebeten, die zehn Gedichte zu nennen, die sie als die schönsten der letzten fünfzig Jahre empfanden. Das Leserpublikum wiederum war aufgefordert worden, zu raten, welche Lyriker in welcher Reihenfolge am häufigsten in der so zustande gekommenen Auswahl vertreten sein würden.

Sechshundertzwölf solcher Tototips sind abgegeben worden. Aber der erste Rang blieb diesmal unbesetzt. Niemand erriet die richtige Reihenfolge, und nur ein Tip (er stammte aus Rinteln) traf die Namen der drei ersten: Gottfried Benn (mit 20), Oskar Loerke (mit 15) und Rilke (mit 12 Gedichten).

Der schmucke und gehaltsschwere Sammelband („Geliebte Verse“) liegt nun vor und läßt erkennen, wie es zu dem unerwarteten Ausgang kam. Oskar Loerkes zweiter Platz (den kein gerecht Denkender dem stillen Mann mißgönnen wird) ist darauf zurückzuführen, daß einer der Befragten (Wilhelm Lehmann) alle zehn Gedichte, die er vorschlug, aus dem Oeuvre Loerkes wählte. Für Rilke, dem übrigens nur die Hälfte der Wähler eine Chance gaben, war ein Platz in der Spitzengruppe vorauszusehen. Daß aber Gottfried Beim die meisten Stimmen auf sich vereinigen würde, mag manchen erstaunen. Nur fünf der Juroren haben kein Gedicht von ihm genannt: Kasimir Edschmid, Hermann Hesse, Wilhelm Lehmann, Mathias Wieman – und Benn selbst,

Das so entschiedene „Derby der Lyrik“ ist gewiß nicht mit der Präzision der Gallup-Methode veranstaltet worden. Aber es läßt vielleicht doch durchblicken, wem die Palme der deutschen Dichtkunst um die Mitte des Jahrhunderts gereicht werden wird. Denn nicht ganz von ungefähr stimmen wohl so verschieden geartete Beurteiler wie Martin Heidegger, Alexander Lernet-Holenia, Ina Seidel und Friedrich Sieburg in der Hochschätzung Gottfried Benns überein. C. E. L.