Von Egon Vietla

Bei einem Vortrag, den ich an der Harvard-Universität über die deutsche Nachkriegsliteratur hielt, wandte ein Student sofort ein, ob ihr Realismus nicht am Ende doch dieselben Züge der Wirk1ichkeitsflucht trage „wie die deutsche Literatur überhaupt“ (so sagte er). Kreuders „Unauffindbare“, die Lyrik von Gottfried Benn und seine Prosa, die Gedichte von Günther Eich und Karl Krolow oder das „Unauslöschliche. Siegel“ von Elisabeth Langgässer (das nach Hermann Brochs positiver Kritik jetzt in einem amerikanischen Verlag erscheinen wird) genügen nicht, um diesen Verdacht zu zerstreuen. Nun ist allerdings die deutsche Nachkriegsliteratur in Amerika noch so gut wie unbekannt. Während die Italiener (Moravia, Pratolini, Vittorini) außerordentliche Erfolge erringen und die Spalten der literarischen Beilage der New York Times füllen, hat Erwin Piscator die Öffentlichkeit nicht für Borcherts „Draußen vor der Türe“ in seinem „Dramatic Workshop“ gewinnen können. Die amerikanischen Universitäten und Colleges haben heute im jeweiligen „German department“ vorzügliche Vertreter der deutschen Sprache, die besorgt und aufmerksam die geistige Entwicklung in Deutschland verfolgen, aber die Öffentlichkeit nimmt davon kaum Notiz.

Das mag auch daran liegen, daß Deutschland nicht in der Lage ist, einen Kulturfonds für Propagandazwecke auszuschütten, und daß dieser Mangel an Information nicht durch die Initiative einer Einzelpersönlichkeit wie des so aufgeschlossenen stellvertretenden Generalkonsuls Dr. Riesser zu durchbrechen ist. Während die englische Kultur allein durch den sprachlichen Zusammenhang mit Nordamerika verbunden ist, während Frankreich unbestritten seine kulturelle Reputation behauptet, und Italien zögernd seinen Platz wiedererobert, während die spanisch-portugiesische Welt durch Südamerika in das Geistesleben einbezogen ist, mutet die kulturelle Wiederdieser Zusammenhang in Amerika nicht wiederherzustellen. Und außerdem: es geht nicht nur um die Information über die geistigen Nachkriegsereignisse in Deutschland, in Amerika selbst lebt eine bedeutende, deutschsprachige literarische Tradition, zumal nach diesem Kriege, weiter, die in unser geistiges Gespräch einbezogen werden sollte.

Ich möchte mit einem handgreiflichen Beispiel beginnen. In Boston hat ein Privatbankier namens Markson durch den Kunsthändler Cardazzo in Venedig eine beachtliche Kollektion italienischer Malerei aufgekauft. Diese moderne italienische Gruppe, der von Chirico zu Carrà und Guttuso alle wichtigen jüngeren Talente vertreten waren, wurde im Beisein des italienischen Konsuls eröffnet und war zudem durch die aktive Arbeit des Museum of Modern Art, jener einzigartigen Institution für moderne Kunst in New York, vorbereitet. Nun hat zwar diese New Yorker Stelle auch Gerhard Marcks empfangen und durch einen Auftrag festgehalten, und der Kunsthändler G. Neumann, der für Paul Klee, für die Expressionisten so außerordentlich viel geleistet hat, die Galerie Buchholz, der Verleger Wittenborn in New York haben Pionierarbeit geleistet, aber der jungen deutschen Malerei ist bis jetzt kein internationaler Markt eröffnet und kann auch nicht eröffnet werden, solange die Werte durch die Presse nicht festgelegt und dem Publikum eingängig gemacht werden. Eine Fülle von Beziehungen weist auf das Dessauer Bauhaus zurück, nicht nur durch Hugo Gropius an der Harvard-Universität. Dort war es auch, wo mich Museumsdirektoren nach den jungen deutschen Künstlern fragten, um ihre moderne Abteilung einzurichten – zumal das amerikanische Museum im Gegensatz zu unserer strengen Scheidung alter und neuer Kunst fast durchweg auch die Moderne als gleichwertig neben Renaissance, Mittelalter und Barock einbezieht. Eine Galerie in Pasadena-Los Angeles, Kalifornien, hat den Oberschlesier Scholz, dessen Ausstellung jetzt auf Reisen geht, so glücklich propagiert, daß allein sechs Stück verkauft wurden. Doch die deutsche Wendung zur gegenstandslosen Malerei, Werner Gilles und die ihm nahestehenden Künstler, selbst Willi Baumeister, sind noch kein „Begriff“ und daher auch kein „Kaufwert“.

Dieselben Probleme treten auch in der Musik auf. Der Aufschwung des amerikanischen Musiklebens in den letzten zwanzig Jahren ist ein kulturgeschichtliches Phänomen. Sowohl das Sinfonieorchester in Chicago wie die bedeutendste amerikanische Ballettschule, das New York City Ballett unter dem vorzüglichen Lincoln Kirstein, zeigten sich lebhaft an der Musik von Carl Orff interessiert. Sonst ist aber in den Vereinigten Staaten die Frage Orff noch nicht zur Diskussion gestellt worden. Vergleicht man damit die Erfolge sowjetrussischer Musiker, wie Katschaturian oder Schostakowitsch, ist der Widerspruch auffallend.

Mittlerweile ist aber durch die Tätigkeit von Hindemith an der Yale-Universität ein starkes, auf Deutschland zurückstrahlendes Zentrum moderner Musik geschaffen worden. Als ich Igor Strawinsky in San Franzisco sprach, fiel mir die familiäre Verbundenheit des großen, jetzt amerikanischen Komponisten mit dem deutschen Musikleben auf, das nach wie vor für ihn ein Prüfstein moderner Musik ist. Seine neue Oper, die im wesentlichen bereits vorliegt, soll in Wiesbaden ihre europäische Uraufführung erleben.

Weitaus schwieriger ist es, die literarischen und wissenschaftlichen Bindungen zu überschauen. Offenbar ist die Philosophie Martin Heideggers in einem begrenzten Kreis zu einem intensiven Diskussionsthema geworden, obwohl (abgesehen von dem mutigen Chicagoer Verleger Henry Regnery) Heidegger in englischer Übertragung noch nicht zu erhalten ist. Diese Strömung der deutschen Philosophie gelangt durch französische Kanäle nach Amerika. Den Zugang bildet die praktische Anwendung in Psychologie oder Soziologie.