Nun lebt aber dank der Emigration aus Deutschland und Österreich in Amerika ein wichtiger Zweig der deutschen Literatur weiter. Der gesamte Nachlaß von Hugo von Hofmannsthal ist an die Harvard-Universität gegangen wo er Tom ehemaligen Mitherausgeber der Corona, H. Steiner, bearbeitet wird, der jetzt am State College in Pennsylvania lehrt. In Cambridge, Mass., befindet sich eine der kostbarsten Rilke-Sammlungen mit einer Fülle unveröffentlicher Briefe in den Händen des Mathematikers R. von Mieses. Was einmal die Berliner Staatsbibliotkek für den Forscher bedeutete, wird heute durch die Bibliotheken von Washington, die Universitäten, wie Princeton, Yale, Columbia oder Harvard, ersetzt, in denen durch die Emigration – etwa die von Kurt Pinthus an der Columbia-Universität – die kostbarsten Frühdrucke erhältlich sind.

Die Besetzung der amerikanischen Lehrstellen für deutsche Literatur ist außerordentlich günstig für die deutsche lebende Literatur. Hier Vären Namen wie Karl Victor an der Harvard-Universität, Heinz Pollitzer oder Rudolf Kayser am Hunter College in New York anzuführen. Rechnet man hinzu, daß auch die Theologie durch Paul Tillich am Union Theological Seminary in New York, der gedanklich Robert Ulich an der Harvard-Universität und mit Bergsträsser an der Universität in Chicago nahesteht, der jüngsten theologischen Richtung in Deutschland eig verbunden ist, so sind die Möglichkeiten für ein lebendiges Wechselgespräch zwischen Amerika und dem Nachkriegsdeutschland günstiger als zu erwarten stünde. Denn auch rückläufig könnte der universale Geist dieses Landes, in dem Angehörige aller Nationen versammelt sind, für unser Denken nur entprovinzialisierend wirken.

Es ist kein Zweifel, daß sich europäischer Geist im amerikanischen Lebensrhythmus auf vielen Gebieten – wie der Altphilologie – isoliert fühlen muß. Man braucht nur an die einsame, wenn auch hochangesehene Stellung von Werner Jäger an der Harvard-Universität zu erinnern. Das hängt aber mit der amerikanischen Gegenwartsnähe zusammen. Vielleicht ließe sich der augenblickliche amerikanische Wandel mit dem Einstrom griechischer Gelehrsamkeit in Rom vergleichen. Solche Vergleiche sind aber immer problematisch, zumal wenn sich die Vorgänge auf längere, differenzierte Zeiträume verteilen. Es ist nicht einzusehen, warum sich Deutschland nicht an diesem Weltgespräch beteiligen sollte, zumal es inoffiziell in einem kaum absehbaren Maß – von Einstein bis Koestler, von Thomas Mann bis Hermann Broch – mit all seiner Tradition daran teilnimmt. Was fehlt, ist das Organ, das diesen Zusammenhang für Deutschland fruchtbar macht.