Von Ernst Krüger

In Washington begann: am zweiten Ostertag eine Konferenz der Außenminister von 21 amerikanischen Republiken. Ihre offiziellen Ergebnisse dürften mager bleiben, da nur Empfehlungen und keine verpflichtenden Beschlüsse gefaßt werden können; ihre Vorgeschichte und ihre indirekten Auswirkungen aber sind in höchstem Maße interessant. Die Anregung zur Konferenz war von Präsident Truman im Dezember vergangenen Jahres ausgegangen, als der Koreakrieg eine bedrohliche Wendung für die UNO genommen hatte. Das State Department unterstrich, diese Anregung am 17. Dezember offiziell mit dem Hinweis auf „die aggressive Politik des internationalen Kommunismus, durch die eine, die gesamte freie Welt bedrohende Lage entstanden“ sei. Vier Tage später, am 21. Dezember nahm der ständige „Rat der Organisation der Amerikanischen Staaten“ in Washington prompt und einstimmig den amerikanischen Vorschlag an. Die Vereinigten Staaten entschlossen sich also in einer Zwangslage, ihr Verhältnis zu den lateinamerikanischen Staaten in einer außerordentlichen Konferenz zur Diskussion zu stellen.

Das State Department zögerte damals nicht, seinen fähigsten Spezialisten für interamerikanische Angelegenheiten, den Unterstaatssekretär Edward G. Miller jr. unverzüglich in einer „Mission des guten Willens“ zu allen südamerikanischen Regierungen zu senden. Miller hatte den Auftrag, nicht nur Ansichten und Wünsche der einzelnen Länder zu erkunden; er sollte vor allem noch vor Beginn der Konferenz in Südamerika gutes Wetter für die Absichten Washingtons machen. Er hatte es nicht leicht...

Sein erster Besuch galt im Februar Brasilien. Staatspräsident Getulio Vargas hatte anläßlich seiner Amtsübernahme am Ersten des Monats die „traditionelle und permanente Freundschaft“ zwischen Brasilien und den Vereinigten Staaten betont, eine Freundschaft allerdings, die er auf eine „reale und reziproke Basis“ gestellt zu sehen wünsche. So bekam denn Mr. Miller zu hören, daß die von den Vereinigten Staaten einseitig vorgenommene Festsetzung von Höchstpreisen für brasilianische Rohprodukte – vor allem für Kaffee – weder mit einer Freundschaft noch mit den Beschlüssen der Interamerikanischen Außenminister-Konferenz von Chapultepec vereinbar sei. Mr. Miller beeilte sich, zu erklären, daß seine Regierung bereit sei, auf der Washingtoner Konferenz hierüber zu verhandeln; auf jeden Fall aber die Preise von Zeit zu Zeit zu überprüfen

Eine sehr klare Definition der Haltung Brasiliens zur Konferenz erhielt der amerikanische Abgesandte in Rio vom Innenminister. Der sagte ihm, daß die Absicht in Washington der militärischen Verteidigung den Vorrang zu geben, von Brasilien nicht geteilt werde. Viel wichtiger sei die wirtschaftliche Verteidigung, ohne die eine wirksame militärische Verteidigung überhaupt nicht durchführbar wäre. Die USA müßten daher den lateinamerikanischen Ländern beim Aufbau ihrer Wirtschaft helfen. Präsident Vargas hoffe, seine großen wirtschaftlichen Pläne mit Hilfe von Anleihen amerikanischer Banken in Höhe von mehreren hundert Millionen Dollar durchführen zu können.

Nicht weniger bezeichnend war die Erklärung des brasilianischen Ministers, daß die Beschlagnahme der unabhängigen Zeitung La Prensa durch die argentinische Regierung, die in den Vereinigten Staaten großes Aufsehen hervorgerufen hatte, nicht auf der Tagesordnung der Washingtoner Konferenz erscheinen dürfe. Argentiniens Einfluß in Südamerika, das also mußte Mr. Miller schon in Brasilien erkennen, ist groß ...

Seine anschließende Visite in Buenos Aires bei der Familie Péron verlief so kühl, daß sie von diplomatischen Beobachtern als größter Tiefstand der argentinisch-amerikanischen Beziehungen in den letzten vier Jahren bezeichnet wurde. Die Entwicklung der weltwirtschaftlichen Lage ermöglicht es Argentinien, in sehr starker Position in Washington aufzumarschieren. Das Land ist weder in seinem Import noch in dem Export seiner landwirtschaftlichen Produkte und Rohstoffe von den Vereinigten Staaten abhängig, da sich europäische Käufer und Lieferanten zu einem Geschäft mit Argentinien geradezu drängen. Es sei hier nur daran erinnert, daß England beispielsweise in diesen Wochen zum erstenmal seit Ausbruch des zweiten Weltkrieges einen Staatsminister nach Argentinien entsandt hat, der um jeden Preis versuchen soll, argentinisches Fleisch zu vernünftigen Preis zu erhalten...