London, im März

In England kommentieren Regierungskreise, Stahl- und Kohlenfachleute ebenso wie die Presse den Vertragsabschluß mit aller Zurückhaltung. Das hat einen „allgemeinen“ und einen „besonderen“ Grund. Allgemein sind Politiker wie Wirtschaftler in England „überrascht“, daß der Schuman-Plan bisher alle Klippen erfolgreich umschifft und mit der Paraphierung seine erste Station erreicht hat. Zu dieser Überraschung möchte sich naturgemäß kein prominenter Politiker, Beamter oder Industrieller öffentlich bekennen. Doch das Erstaunen ist immerhin so groß und echt, daß auch umgekehrt das Lob für den Erfolg nur in sehr allgemeinen Wendungen – und unter Betonung des politischen Erfolges – gezollt wird. Das darf man längst nicht in allen Fällen als Ablehnung oder als Kritik werten. Es ist vielmehr in der Regel mehr eine Benommenheit gegenüber einem – lange Zeit hindurch für unwahrscheinlich gehaltenen – Ereignis, das nun doch Tatsache geworden ist.

Als besonderer Grund zur Zurückhaltung kommt noch hinzu, daß die britischen Gesichtspunkte zur Dekartellierung in der letzten Verhandlungsphase – durch das energische persönliche Eingreifen des amerikanischen Oberkommissars McCloy – einfach überrannt worden, sind. Mit dem Ergebnis also, daß die USA und Frankreich die Engländer jetzt ganz ähnlich mit der Kompromißlösung der Dekartellierung vor vollendete Tatsachen zu stellen versuchen, wie seinerzeit, im Mai 1950, Außenminister Schuman am Vorabend der Londoner Außenministerkonferenz seinen Vorschlag „explosiv“ und ohne vorherige Warnung an die britische Regierung bekanntgab. Es liegen zwar keinerlei Anzeichen dafür vor, daß die Engländer den jetzt glücklich unter Dach gebrachten Plan dadurch gefährden werden, daß sie nachträglich Einwände gegen die Veränderungen bei den vorgeschlagenen Stahlgesellschaften und beim Zecheneigentum der Stahlgesellschaften erheben werden. Die zuständigen britischen Instanzen haben schon seit einiger Zeit ihren Standpunkt nicht besonders nachdrücklich verfochten. Doch sie sind jetzt ein wenig „eingeschnappt“, weil England wohl über jede Phase der eigentlichen Schuman-Plan-Verhandlungen ausgiebig unterrichtet worden ist, jedoch seine Informationen über die Wandlungen der Dekartellierung selbst sammeln mußte.

Der Schuman-Plan nun hat in englischen Augen seine erste Belastungsprobe dadurch erfolgreich bestanden, daß er – ursprünglich als eine Art „Rückversicherung“ gegen die drohende Überproduktion von Stahl auf dem Kontinent entworfen und begrüßt – inzwischen mehr und mehr an politischer Bedeutung, gewonnen, an wirtschaftlicher Dringlichkeit, für die Absatzregelung, dagegen verloren hat. Man weiß in England sehr wohl, daß weder die deutsche noch die französische Stahlindustrie sich seit dem Absatz? aufschwang, den der Koreakrieg und seine indirekten Folgen gebracht haben, zum Schuman-Plan drängten. Das gilt als ein Beweis dafür, daß Paris wie Bonn sich der politischen Bedeutung der europäischen Wirtschaftszusammenarbeit unter Aufgabe von Souveränitätsrechten für die Befriedung Westeuropas bewußt waren. Hier liest ein Erfolg, den man in England gerade deshalb so hoch bewertet, weil, man selber nicht bereit war – und weiterhin nicht bereit ist –, nationale Entscheidungen – etwa die Rationalisierung des Bergbaus oder das Kapazitätsproblem der Stahlindustrie – aus dem politischen Grund, daß es dabei um eine europäische Neugestaltung geht, ante übernationalen Instanz zu unterstellen.

Dementsprechend nimmt man in England auch jetzt die Haltung des Quod licet Europa, non licet Britannia ein: Man begrüßt es aufrichtig, wenn eben auch recht überrascht, daß sechs europäische Länder ihre Souveränität delegieren wollen – aber man fühlt sich außerstande, in diesem Stadium europäischer Entwicklung selbst mitzumachen, beharrt also in Fragen der Souveränitätsabtretung auf dem britischen „Ohne-mich-Standpunkt“. Die politischen Ziele des Schuman-Plans können auf absehbare Zeit hinaus nur Englands Segen, nicht Englands Mitwirkung finden. Die politische Auseinandersetzung um den Schuman-Plan in England hat gerade dies klar herausgeschält, daß England zwar „nicht stören“, aber auch nicht „dabei sein“ will. Auch eine konservative Regierung würde wahrscheinlich nur eine britische „Angliederung“, nicht aber eine Mitgliedschaft in diesem – oder irgendeinem anderen – europäischen Plan erwägen.

Man kann damit rechnen, daß vor der Ratifizierung den Engländern die Möglichkeit gegeben wird, sich zu eventuellen Änderungen zu äußern, die das künftige britische Verhältnis zur Stahlindustrie und zum Kohlenbergbau der sechs Länder beeinflussen könnten, auch ohne daß England dem Plan beitritt. Es wird sich nach Ansicht der Engländer nur um kleinere technische Einzelheiten handeln können, die von etwaigen britischen Wünschen (vielleicht...) betroffen würden. Empiriker, die sie sind, interessieren sich die Engländer hauptsächlich für die fünf Übergangsjahre. Dieses Interesse findet drei Berührungspunkte, nämlich: Lieferungen vom Kontinent an England, Exporte vom Kontinent und von England nach dritten Märkten und den Preis-Trend (nicht nur der gegenwärtige, aufwärtsgerichtete, sondern auch ein zukünftiger, abwärtsgerichteter in Zeiten der Rationalisierung und der großen, aber ja doch auch einmal zur Leistung kommenden Investitionen wird dabei erwogen.

Englands Einfuhr vom Kontinent ist ja – im Gegensatz zu den erheblichen Importen der Vorkriegsjahre – stark zurückgegangen. Sie soll eigentlich nur noch gewisse Halbzeug- und Sor tenprobleme lösen helfen, bis die großen Breitbandwalzwerke und Weißblechwerke in Wales in anderthalb bis zwei Jahren in voller Produktion laufen. Dazu kommt natürlich der Rüstungsbedarf, obwohl dieser sich in England mehr in Maschinen als in den vorauf gehenden Stufen der Stahlverarbeitung geltend machen dürfte.