III. Verschleierte Frauen und Männer, die mit dem Kommunismus liebäugeln

Von J. v. Kürenberg

Innerhalb der islamischen Welt herrscht heute Aufregung über die nordafrikanischen Gebiete, die zu Frankreich gehören. Die Gerüchte, die insbesondere von Kairo aus verbreitet werden, sind sehr übertrieben. Nicht zu verkennen ist jedoch, daß unter den Arabern Nordafrikas das Streben nach größerer Unabhängigkeit immer mehr an Boden gewinnt und daß alle islamischen Völker der Welt bereit sind, eine solche Bewegung zu unterstützen. Daneben aber gibt es in Tunis, Algier und Marokko auch Kreise, welche die Verdienste Frankreichs um diese Gebiete nüchtern und ruhig anerkennen. Die zukünftige politische Entwicklung wird vermutlich dazu führen, daß sich zwischen diesen beiden Richtungen ein Ausgleich anbahnen wird. Bis dahin bleibt Nordafrika ein Unruheherd. Joachim von Kürenberg, dessen Bericht wir heute fortsetzen, schildert die dortigen Verhältnisse sachlich und unvoreingenommen.

Wie sieht es um die Situation der Frauen im heutigen Tunis aus? Die Tunesierin möchte sich emanzipieren, um leichter leben und sich freier bewegen zu können, doch keinesfalls dürfte dies gerade jetzt auf Kosten von Religion und Nationalismus gehen. Welch Verstoß gegen die Gesetze Allahs! Diese Gesetze schreiben die bedingungslose Unterwerfung der Frau unter den Willen des Mannes vor; und so lange das Gebot befolgt wird, kann von einer Emanzipation der Frau in einem so primitiv empfindenden Volke noch lange nicht gesprochen werden.

Wie das Straßenbild in Tunis zeigt, haben sich die Tunesierinnen – mit geringen Ausnahmen – für die Beibehaltung des Schleiers entschieden; so hat die Lehre des Koran über alle Verlockungen, die aus Europa kamen, gesiegt. Das Gesetz des Propheten und der Wille des Ehemannes sind allein für die Frau bestimmend. Nach dem Koran ist das Weib dem Manne in jeder. Hinsicht unterlegen. Stirbt der Mann, so kommt er in das Reich köstlichster Freuden, in ein Paradies von großem Luxus, wo es Rosenlauben mit schönen Mädchen, spielenden Knaben gibt, Manna und Nektar, viele Kuchen und Pasten aus Nüssen und Honig. Stirbt aber eine Frau, so ist sie verurteilt, nach ihrem Tode alles das in einem tiefen, düsteren Tal abzubüßen, was sie dank ihrer schlechten Eigenschaften auf Erden verbrochen hat, sei es durch Tratschsucht, Boshaftigkeit oder durch Neid und Eifersucht.

Trotz der egalisierenden Verschleierung der Tunesierin mit dem weißen Haik und dem schwarzen Gesichtsschleier gibt es doch unter ihnen feine Unterschiede. Einige Frauen tragen Seidenstrümpfe – die Reklame: „Bemberg La Vera“ ist überall in Tunis an den Plakatwänden zu sehen –, andere wollene Strümpfe. Auch die Schuhe variieren vom primitiven Pantoffel bis zum Eidechsenschuh mit hohen Absätzen. Seltsam sieht es aus, wenn hinter dem Schleier die Gläser einer Brille funkeln. Arme Frauen, die sich keinen Schleier leisten können, halten den Saumzipfel ihres Haiks vor das Gesicht. Ganz alte Frauen, besonders Bettlerinnen, verzichten auf den Schleier, ebenso Berberinnen bestimmter Stämme. Durch den Schleier wirkt die Tunesierin seelenlos wie eine maskierte Puppe; auch ihre Bewegungen sind automatisch, obwohl es jüngere Frauen gibt, die viel Anmut zeigen können. Auf der Straße benehmen sie sich oft ungeniert, sprechen auch mit jungen Männern, ohne aber auch nur für einen Augenblick den Schleier zu lüften.

Es sieht aber nicht so aus, als ob sich bald etwas im Wesen der Tunesierin ändern dürfte; der Schleier wird jedenfalls noch lange das Angesicht der Frauen in Tunis verhüllen. Eine modern eingestellte Studentin der Universität in Tunis hat wohl recht, wenn sie auf ein altes Sprichwort verweist: „In Marokko ist jede Frau eine Heldin, in Algier ein Vollweib, in Tunis eine Marionette!“