Der Ton, der aus Hans Falladas nachgelassenem Roman „Der Trinker“ aufklingt (Rowohlt, Hamburg, 312 S., Leinen DM 9,–), ist eine Stimme mehr im Konzert der Verzweiflung, welches die Welt heute – auch außerhalb der Politik – erfüllt. Das Buch, geschrieben in trüben Stunden des Jahres 1944, gibt einen Spiegel der seelischen Situation, in der sich der (damals seiner persönlichen Freiheit beraubte) Autor befand. Aus der autobiographischen Erzählung „Damals bei uns daheim“ ist bekannt, aus welch behütetem Milieu Fallada stammte. Es muß ihn hart angekommen sein, nun in jener von Mauern umgürteten Welt zu leben, die den realen Hintergrund seines Romans „Der Trinker“ bildet: einer Welt der Gemeinheit und des Ekels, wo nicht nur jeder sich selbst der Nächste ist, sondern Lust an Bosheit und Übelwollen in solchem Maße herrschen, daß gelegentliche Regungen echter Kameraderie hoffnungslos scheinen.

Doch mag Falladas Ich-Roman viel an Selbsterlittenem enthalten, so darf man ihn doch nicht als bloßen Bericht ansehen. Seine Bedeutung liegt vielmehr in der Verwandlung individuellen Lebens in gültige Aussage, die zu überpersönlichem Seelenspiegel und zu sozialer Anklage wird. Anklage gegen ein System, das glaubt, das Leben durch Paragraphen regeln zu können, Anklage gegen die menschliche Unzulänglichkeit.

Ein Kleinbürger, Inhaber eines Pröduktengeschäfts, weder glücklich noch besonders unglücklich, greift, angeschlagen von den ewigen Reibereien mit seiner Ehefrau, zur Flasche. Erst ein wenig, dann immer mehr: bald wird er zum Alkoholiker und gerät auf die schiefe Bahn. Die Anklage wegen Mordversuchs an der eigenen Frau wird fallengelassen: der „Trinker“ erhält den § 51 und kommt in eine Heil- und Pflegeanstalt, die er nie mehr verlassen wird. Das ist in dürren Worten die Story.

Doch: was macht Fallada daraus! Wie läßt er die Wollust des Trinkens erstehen mit ihrem gesteigerten Lebensgefühl und dem Rausch der Verzweiflung! Und wie steht hinter diesem Einzelfall das Schicksal Tausender, die nunmehr geschurigelt und getreten der Gesetzesmaschinerie erliegen, immer wieder Opfer ihrer Leidenschaft werden und in enttäuschten Hoffnungen enden.

Daß Falladas Roman infolge gewisser Prozesse, in denen die heutige Psychiatrie eine Rolle spielte, im Augenblick sogar eine besondere aktuelle Bedeutung hat, sei nur nebenbei vermerkt. Wesentlicher ist das Werk als literarisches Vermächtnis, das den zu früh verstorbenen Autor auf der Höhe seines Könnens zeigt und über den dokumentarischen Zeitcharakter hinaus faszinierend in die Bereiche dunkler, psychischer Zusammenhänge vorstößt. Christian Otto Frenzel

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Erasmus von Rotterdam: Das Lob der Torheit Mit 83 Handzeichnungen von Hans Holbein d. J. (Verlag Gebr. Mann Berlin. 132 S., Preis 10,50 DM.) Dieses geistreiche Gedankenspiel voll tiefer skeptischer Erkenntnis ist auch heute noch frisch und unvergänglich wie je. „Wenn man den Irrtum wegnimmt, setzt man alles in Verwirrung.“ Die Holbeinschen Randleisten aus der ersten Ausgabe erhöhen das Vergnügen bei der Lektüre des Buches (Deutsche Übersetzung: Alfred Hartmann. Einführung: Curt Loehning).