Von Heinz Hell

Rio de Janeiro, im März

Das Deutschtum war eigentlich bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges in Brasilien, wie übrigens auch – in allen anderen Ländern Südamerikas, ein zwar etwas oberflächlicher, aber feststehender Begriff. Es umfaßte alle Menschen deutscher Abstammung, die im Lande ansässig varen, und es war gleichgültig, ob sie zugewandert oder bereits in Brasilien geboren waren. Erst mit dem Beginn des zweiten Weltkrieges änderte sich der Begriff des Deutschtums brüsk –: ein großer Nachteil für die in Brasilien ansässigen Menschen deutscher Abstammung. Man unterschied jetzt streng die Ausländer deutscher Nationalität von den eingeborenen Brasilianern deutscher Abstammung, eine Kategorie, in die nun jeder fiel, der in Brasilien Bürgerrechte besaß, sei es, daß er sich hatte naturalisieren lassen, sei es, daß seine Familie generationenlang im Lande lebte. Vielleicht hatten einst die Väter dies Land der Wildnis abgetrotzt wie dies beispielsweise in den Südstaaten Rio Grande do Sul und Santa Catarina der Fall war. Gerade die dort ansässigen Deutschstämmigen waren kulturell nach so fielen Jahrhunderten immer noch weit mehr der lernen Heimat als Brasilien verhaftet. Hier wie in allen anderen Gegenden Brasiliens, wo Deutschstämmige. ansässig sind, wurde nun während des zweiten Weltkrieges eine heftige Propaganda gegen Deutschland gemacht, die unübersehbaren Schaden für alle Deutschen in Brasilien gezeitigt hat und in der Folge den Begriff des Deutschtums in Brasilien völlig neu umriß. So unterscheidet man heute klar zwischen Deutschen – das heißt in Deutschland geborenen, nicht naturalisierten Menschen – und Brasilianern, gleichgültig velcher Abstammung. Während des Krieges hat Brasilien so drastische Mittel der Nationalisierung angewandt wie das Verbot der deutschen Sprache, das Verbot der deutschen Schulen, private Besitzenteignungen. Es war die Reaktion auf jene Hitlersche Machtpropaganda, die unter allen Umständen bestrebt war, auch im Brasilianer deutschen Blutes das Bewußtsein, er sei im Grunde Deutscher, zu erhalten und zu stärken. Er ist nicht Deutscher. Er kann es gar nicht sein in einem Lande, dessen Lebensverhältnisse denen in Deutschland so völlig entgegengesetzt sind. Die Menschen in tropischen Ländern haben ein anderes Blut; die Eigenart des Bodens hat auch sie geformt. Anders liegen die Dinge in rein kultureller Hinsicht. Hier dient deutsches Kulturgut, genau wie bei den Deutschstämmigen Nordamerikas auch, in gleicher Weise den eigenen wie den Interessen des Landes, und keine vernünftige Legierung wird zu normalen Zeiten Maßnahmen ergreifen wie jene brasilianischen Verbote während des Krieges, die denn mittlerweile auch wieder ad acta gelegt wurden.

Untersucht man die Mentalität des deutschen Menschen in Brasilien – und nur von ihm soll jetzt hier die Rede sein –, so kann man unschwer vier Kategorien unterscheiden. Da ist einmal jene heute im Aussterben begriffene Generation der Wilhelminischen Epoche, die ins Land kam zu Zeiten einer wirtschaftlichen Hochkonjunktur. Sie gebar den Typ des „Königlichen Kaufmanns“, der, eng verknüpft durch verwandtschaftliche wie merkantile Interessen mit Hamburg oder Bremen, von jeher konservativ war und es bis heute geblieben ist, auch als brasilianischer Staatsbürger. Seine menschlichen Qualitäten kennzeichnet am besten die Tatsache, daß er es war, dem das Ansehen Deutschlands in Übersee seinen Glanz zu verdanken hat, nicht nur in handelspolitischem Sinne, sondern besonders im Bewußtsein einer Verpflichtung dem materiell weniger vom Glück begünstigten Landsmann gegenüber. Der „Königliche Kaufmann“ war es, der durch Stiftung von Geldmitteln dafür sorgte, daß Schulen, Kirchen und Vereine gegründet werden konnten, wobei unter Vereinen nicht zuletzt jene zu verstehen sind, die der Betreuung der Alten und Hilfsbedürftigen dienten. Daß der -konservative Zug im Wesen des „Königlichen Kaufmanns“ gelegentlich absonderliche Blüten trieb, die ins Groteske abirrten, ist eine Sache für sich und von Brasilien her gesehen leichter verständlich als von Deutschland aus. So erinnere ich mich aus dem Jahre 1935 her noch gut jenes alten Herrn in Panamahut und Vatermörder, der nie vergaß, beim Betreten des deutschen Klubs in einer kleineren Stadt, tief den Hut zu sieben vor dem Bild Kaiser Wilhelms II., das man aus Pietät an seinem Platz belassen hatte. An diesem alten Herrn waren die Weimarer Republik, war der Nationalsozialismus spurlos vorübergegangen. Er lebte im Zeitalter der Hohenzollern und wird dies, sofern er noch existiert, auch heute noch tun.

Daß die Ausstrahlungen der Weimarer Republik in Brasilien nicht eben kräftig im politischen Sinne auf das dortige Deutschtum wirkten, ist zu bekannt, als daß man diese Tatsache heute leugnen dürfte. Ihr fehlte das Suggestive. Dennoch war die Weimarer Republik gerade bei der jüngeren Generation der Deutschen in Brasilien in hohem Ansehen, und zwar vornehmlich um der kulturellen Wirkung willen, die Deutschland in dieser Epoche auf Brasilien ausübte und der jeder machtpolitische Akzent fehlte. Immerhin geschah doch damals auch manches – wie etwa die deutsche Pionierarbeit auf dem Gebiet des brasilianischen Luftverkehrs –, das sich abseits des rein Intellektuellen vollzog und das sehr wohl dazu hätte dienen können, auch auf die politisch interessierten Auslandsdeutschen zu wirken. Daß dies nicht in wünschenswertem Maße geschah, lag zum großen Teil in der politischen Zerrissenheit der alten Heimat selbst. So kennzeichnete denn auch die Mehrzahl der Brasilien-Deutschen jener Jahre eine gewisse Latenz, ein zähes Festhalten an den alten Begriffen und an den Erinnerungen aus der Zeit eines mächtig emporstrebenden deutschen Kaiserreichs, dem der alte Barbarossatraum dereinstigen Erwachens im Grunde mehr galt als alle Bestrebungen einer durch die Niederlage des ersten Weltkrieges bewirkten neuen Zeit.

Dieser romantische Traum fand seine scheinbare Erfüllung in der Epoche des Nationalsozialismus, dessen ganz aufs Äußere gerichtete rauschende Propaganda sich wie ein Narkotikum auf die Sinne vieler Deutschen auch in Brasilien legte. So konnte sich der moderne Nachrichtendienst, konnten sich Erfolgsmeldungen und pseudo-kulturelle Bestrebungen wahrhaft zweckdienlich für das „Dritte Reich“ auswirken. Wie hätte es auch wohl anders sein können in einem Lande, dessen Menschen so stark auf äußere Effekte reagieren! (Eine Tatsache, die nunmehr auch Nordamerika längst begriffen hat und politisch ausnutzt.) Man sollte deshalb auch rückschauend die Dinge richtig werten und nicht ohne weiteres den Stab brechen über Menschen, die infolge ihrer, nun einmal mehr aufs Materielle gerichteten Weltanschauung gar nicht zu erkennen vermochten, was da geschah. Hier in Brasilien ging es um Ansehen und Geltung, um Geschäfte, um ein neues tatkräftiges Erwachen, um ein Regime, das – wie es schien – nicht nur den sozial Bevorzugten, sondern jedem Erfolg versprach, der sich zu ihm als Deutscher bekannte. So mußte erst der zweite Weltkrieg kommen und mit ihm die Leiden der Deutschen in Brasilien, die Niederlage und mit ihr schließlich die Erkenntnis eines Irrtums.

Kann man es aber anders erwarten angesichts einer Weltpolitik, deren unverständliche Maßnahmen immer neue Mißverständnisse zeitigen, immer neue Tragik und neues Leid? Der Deutsche in Brasilien, den jene Jahre formten, will von Politik nichts mehr wissen. Er bemüht sich, in stiller, zäher Arbeit die zerschlagene Existenz neu aufzubauen, ohne nach rechts noch links zu blicken. Und nicht wenige gibt es, die nach dem Kriege durch Naturalisation Brasilianer geworden sind; ein Entschluß, der nie zuvor ihre Absicht war. Nun aber wollten sie sich selbst und der Familie jedes Dilemma für die Zukunft ersparen.