Obwohl die englische Dichterin zweifellos zu den bedeutendsten Gestalten in der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts zählt und in die Reihe derer gehört, die den neuen Typ Roman geschaffen haben, ist ihr Gesamtwerk in Deutschland kaum bekannt geworden. Übersetzt wurden von ihren Büchern nur „Eine Frau von fünfzig Jahren“, „Die Fahrt zum Leuchtturm“ und „Flush, die Biographie eines berühmten Hundes“.

Virginia Woolf macht es ihren Lesern nicht leicht. Wer in ihren Büchern nach einer Fabel sucht, wer klar gezeichnete Charaktere erwartet, wird enttäuscht werden. Handlung, äußeres Leben, das ist für sie ganz unwichtig. Wesentlich allein sind für sie die „Innenräume“; sie macht das seelische Geschehen sichtbar, das Ineinander von Assoziationen, Reflexionen, Sinneswahrnehmungen und Gefühlen, und sie stößt mit schonungsloser Ehrlichkeit in bisher nicht erreichte Tiefen vor. Sie, die auf Grund einer sehr zarten Konstitution niemals fähig war, sich am aktiven Leben zu beteiligen, nimmt mit überschärften Sinnen wahr, und ihre Sensibilität ist beinahe ins Krankhafte gesteigert.

Innere Erfahrung: das ist das einzige, worauf es im Roman wie im Leben ankommt. Die Grenzen des Selbst sind ungewiß. Unvollkommen ist das Leben, wo immer wir uns hinwenden, niemals können wir das Ganze erkennen, immer nur ein Bruchstück. Wir sind verfangen in einem Netz zwischenmenschlicher Beziehungen, verfangen, nicht mehr sinnvoll eingeordnet wie die Menschen der früheren Generationen. Das ist unser großes Problem und es sichtbar zu machen, die Aufgabe unserer heutigen Dichtung.

Letztes Geheimnis ist die menschliche Einsamkeit. „Es gibt keinen Arm, an den wir uns klammern können, wir gehen allein. Es gibt nur eine Beziehung: zur ganzen Wirklichkeit, nicht nur zu den Menschen. Die Dinge sind sie selber, unverstellt, auch die Menschen müssen sie selber sein und den anderen so gelten lassen, wie er ist.“

Harmonie, das Vorhandensein irgendeiner Ordnung können wir nur noch in Augenblicken spüren, Augenblicken, da das Leben gleichsam zu einem Kristall wird. Und nur auf das Leben kommt es an, das Leben, mit dem Geheimnis der Zeit, dem Wunder der Erinnerung. „Die Fahrt zum Leuchtturm“, vielleicht ihr schönstes Buch, zeigt diesen Einklang mit der stummen Welt der Dinge, das Meer, die Blumen und die Vögel; darüber liegt strahlender Glanz – „Leben, steh still!“

In einfacher, durchsichtiger Sprache substile seelische Vorgänge ins bildhaft Dichterische übertragend, öffnet uns Virginia Woolf den Blick in ihre Gestalten. Vielmehr: es geschieht dem Leser das sehr Eigentümliche, daß ihre Gestalten in ihm zu leben beginnen, daß er nicht in sie hinein sondern aus ihnen heraus die Welt und die anderen sieht. So erleben wir Clarissa, die „Frau von fünfzig Jahren“, gespiegelt in den Menschen ihrer Umgebung; für jeden ist sie anders da, nur insoweit erkennbar, als er aus seiner Art heraus sie zu begreifen versteht. In „The Waves“ hat die Dichterin völlig auf das äußere Geschehen verzichtet. Hier gibt sie uns sechs Menschen, deren Erleben – von der Kindheit bis zum Altern – nur im Spiegel ihrer Gefühle, Wahrnehmungen und Reflexionen sichtbar gemacht wird – eine andere Wirklichkeit.

Erst in ihrem letzten Buch „The Years“ (erschienen 1937) setzt sich Virginia Woolf mit der Gesellschaft auseinander, so wie sie es mehrfach in ihren Essays getan hatte. Sie tut es bewußt als Frau. Denn patriarchalische Ordnung, die seit jeher der Frau einen untergeordneten Platz zugewiesen hat, scheint ihr verantwortlich zu sein für Diktatur und Krieg. Aber was kann die Frau tun, fragt sie voller Bitterkeit in „Three Guineas“. Im Grunde nichts, sie kann allenfalls passive Resistenz üben in einer noch immer männlich bestimmten Welt, in der ihre endlich erlangte Unabhängigkeit nicht zum Tragen kommen – kann. So ist auch „The Years“ voll Bitterkeit; nichts mehr vom Glanz und der Lebensfreude ihrer früheren Bücher ist zu spüren. Die Jahre verrinnen, das Leben verrinnt, die neue Generation, glaubenslos und überscharf sehend, fühlt die neue Katastrophe heraufziehen. „Wir müßten anders leben, ganz anders...“, sagt sie am Ende. Aber sie konnte keinen Ausweg finden – auch für sich selber nicht. Am 28. März 1941 ging sie freiwillig in den Tod, aus Furcht vor geistiger Umnachtung.