Da werden Soldaten freigesprochen, weil sie einem verbrecherischen Befehl gehorcht haben (General Rossum) und andere werden verurteilt, obwohl sie keine verbrecherischen Befehle gegeben haben (General Ramcke), Verbrechen aber doch gegen ihren Befehl und ohne ihr Wissen von ihren Untergebenen verübt worden sind. Wir haben die Kollektivschuld kennengelernt und allerdings die hierarchische Mitschuld:

„Wohlgemerkt“, sagte der Präsident des Militärgerichts im Ramcke-Prozeß, „Sie sind nicht dieser Verbrechen angeklagt. Es steht fest, daß Sie sie weder befohlen noch gekannt haben. Immerhin werden Sie für diese Verbrechen zur Verantwortung gezogen, und zwar als Mitschuldiger auf Grund der Tatsache, daß Sie hierarchisch der Chef waren.“

Die Richter, selbst Soldaten, schienen ob der Widersprüche, die sich im Laufe des Prozesses häuften, verwirrt – und alle Welt – ist es mit ihnen. Man hat keinen festen Boden mehr unter den Füßen. Wo ist das Kriegsrecht, an das man sich halten kann?

„Unsere Soldaten ziehen in den Krieg mit einer Schlinge um den Hals, die ihnen die eigenen Landsleute umgelegt haben und die die Arbeit der feindlichen Henker erleichtern muß“, schreibt Admiral Lord Cork an die Times und fährt fort; „Man wird es auch in keiner Weise für wahrscheinlich halten können, daß Militärgerichte unserer möglichen Feinde in Europa geneigt wären, milder zu urteilen als ein Gericht in Nordkorea.“

Das fing mit der Erklärung Roosevelts, Churchills und Stalins an, die auf der ersten Konferenz der drei alliierten Außenminister; Hull, Eden und Molotow, am 30. Oktober 1943 in Moskau veröffentlicht wurde. Bis dahin war der Soldat nur vor den Gerichten und nach den Gesetzen des Landes verantwortlich, dessen Uniform er trug. Von nun an sollten die Gerichte und Gesetze des Landes zuständig sein, in dem ein Verbrechen begangen worden ist. Gewiß, diese Moskauer Erklärung war als heilsame Warnung gedacht, aber sie hat, statt übernationale, unabhängige, – unparteiische Gerichte zu schaffen, die Richter dem Druck der nationalen öffentlichen Meinung ausgesetzt und den angeklagten Soldaten der Befangenheit des vom Krieg geprüften Volkes ausgeliefert. Das internationale Recht ist der lokalen Rechtsprechung anheimgefallen.

Die Moskauer Erklärung war aber nur der erste Schritt. Es folgte die Londoner Erklärung vom 8. August 1945 über das (Nürnberger) Gerichtsverfahren gegen dieKriegsverbrecher, „deren Verbrechen sich nicht auf-einen bestimmten geographischen. Ort beziehen“, und es folgten die Ausnahmegesetze in dem revolutionären Frankreich, die ebenfalls Präzedenzfälle für das internationale Recht schufen.

Danach ist Kriegsverbrechen jede Handlung, die nach dem bestehenden oder noch zu schaffenden Recht des Landes, in dem sie begangen worden ist, als Verbrechen gilt. Der Befehl des Vorgesetzten deckt den Untergebenen nicht mehr, er darf nur ausgeführt werden, wenn er mit dem Gesetz des fremden Landes in Einklang steht. An die Stelle des positiven Beweises der Schuld durch das Gericht und des Grundsatzes: in dubio pro reo ist der negative Beweis der Nichtschuld durch den Angeklagten getreten, und an die Stelle der individuellen und persönlichen Verantwortung die Kollektivschuld von Formationen, Gruppen, Organisationen, Ständen, Klassen. „Alle Individuen, die dieser Formation oder dieser Gruppe angehören, können als Mitautoren betrachtet werden, es sei denn, sie erbringen den Beweis ihrer gewaltsamen Eingliederung und ihrer Nichtteilnahme an dem Verbrechen.“ (Französisches Gesetz vom 15. September 1948.)