K. W. Berlin im März

Eine halbe Stunde lang raste der Beifall bei der Uraufführung der neuen Oper des bedeutendsten Dichters im kommunistischen Raum „Das Verhör des Lukullus“ von Bert Brecht. Als er anfing und sogleich Formen von nie an dieser Stätte gekannten Ovationen annahm, erhob sich schnell Wilhelm Pieck in der Mittelloge und zog Walter Ulbricht, den Generalsekretär der SED, mit sich rasch fort. Der Beifall rauschte weiter. Es war ein ungewöhnlicher Abend im ehemaligen Admiralspalast am Bahnhof Friedrichstraße.

Der Beifall war nicht programmgemäß. Das Parkett war reserviert für Volkspolizei und FDJ. Sie sollten die Stimme des „gesunden Volksempfindens“ sein. Sie sollten nicht Beifall klatschen, sie sollten pfeifen. In den ersten Minuten pfiffen einige: nur kurz, von da an schlug die Bestellten und die anderen, die so oder so in das Opernhaus des Sowjetsektors zur Uraufführung hereingekommen waren, das Werk des Dichters Bert Brecht und seines Komponisten Paul Dessau in Bann. Am nächsten Tag ist das „Verhör“ vom Spielplan gestrichen worden.

Warum aber wurde etwas, was unerwünscht war, überhaupt gespielt? Der Text des „Verhör des Lukullus“ hat eine stark pazifistische Tendenz, Lukullus, der geschmackstüchtige Römer, wird ins „Nichts“ befördert, weil seiner einzigen Leistung, den Kirschbaum nach Rom gebracht zu haben, das böse Äquivalent von 80 000 Toten gegenübersteht. Das ist, schon vom Sujet her, für sowjetische Augen heute nicht nur unzeitgemäß, es ist – so raunen die Kritiker aus Karlshorst – sogar höchst verdächtig. Außerdem hat der Komponist Dessau eine moderne Musik dazu geschrieben, die ganz und gar den sowjetischen Wünschen nach kämpferischer Harmonie widerspricht. Erst dieses „Verhör“ scheint die Gewaltigen von Karlshorst darauf gebracht zu haben, daß man Brechts dramatische Thesen heute mehr und mehr gegen die gerichtet auffassen könnte, die im Osten die brutalen Herren sind.

Warum aber hat man einen langen Probenaufwand, eine große Besetzung und das Engagement von Hermann Scherchen aus der Schweiz nicht gespart, und diese Brecht-Oper nach dem Uraufführungstage, nach dem Tage eines Erfolges ohne Beispiel, totgeschwiegen? Es ist durchaus denkbar, daß es eine letzte Probe der ostzonalen Staatsoper, eine letzte Probe auch des kommunistischen deutschen Eigenwillens sein sollte, ob es nicht wenigstens mit so bedeutenden Figuren wie Bert Brecht einen eigenen Weg ohne Moskauer Diktat geben könnte.

Noch steht Brecht im Deutschen Theater auf dem Spielplan. Wie lange noch? Brecht schweigt. Über Brecht aber müssen die Ostzeitungen schweigen. „Das Verhör des Lukullus“ gibt es für sie nicht, und die enthusiastischen Zuschauer der einzigen Aufführung werden jetzt zusammengetrommelt. Sie sollen lernen, „gesund“ zu empfinden.

Erst kürzlich wurde dem Maler Horst Strempel, einem kommunistischen Avantgardisten, sein großes Wandgemälde im Ostberliner Bahnhof Friedrichstraße, das er zwei Jahre vorher als kommunistische Auftragsarbeit geschaffen hatte, nachts übertüncht, und heute wird Brechts so lebhaft akklamierte Oper unterdrückt. Beide sind „Formalisten“ und nicht mehr erwünscht.