Werbung als Kunst – Zu einer Ausstellung in Mannheim

Von Ulrich Seelmann-Eggebert

Nicht mehr die Fürsten und die Kirchen seien die Auftraggeber der Kunst, sondern die Industrie: Stahlwerke, Nudelfabriken und Tabakhandlungen – das erklärte ein junger Graphiker auf der Ausstellung „Plakate der Wirtschaft“ in Mannheim. Die „Zeit“ hat schon in ihrer vorigen Nummer in dem Aufsatz „Kunst und Merkantilismus“ auf die enge Verknüpfung der Graphik mit der Wirtschaft hingewiesen. Der Bericht von der Mannheimer Ausstellung, den wir heute veröffentlichen, ist deshalb eine Fortsetzung desselben Themas: der Annäherung der Kunst an den Alltag, die Vorteil und Gefährdung zugleich für den Künstler bedeutet.

Mannheim, Mitte März

Esist bezeichnend, daß die Ausstellung „Das beste Plakat der deutschen Wirtschaftswerbung“, die auf ein Preisausschreiben der Industrie- und Handelskammer Mannheim zurückgeht, jetzt in den Räumen der Mannheimer Kunsthalle der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist. Die Kunsthalle Mannheim ist seit den Tagen von Wiechert und Hartlaub und auch jetzt wieder unter Dr. Passarge der Moderne zugewandt gewesen; sie sammelt ausschließlich Werke des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, und sie hat auch mit dieser erst- und einmaligen Schau angewandter Plakatkunst ein wesentliches, in seiner Bedeutung noch immer anwachsendes Gebiet für die museale Erschließung gewonnen.

Die 63 gezeigten Arbeiten, die aus 1024 eingereichten ausgewählt wurden, dürften wohl einen verläßlichen Querschnitt durch die Situation und durch das Niveau der deutschen Werbegraphik geben. Die fünf Herren des Preisrichterkollegiums: Dr. H. L. Hammerbacher (Präsident der Industrie- und Handelskammer Mannheim), Dr. E. Hölscher (Präsident des Bundes deutscher Gebrauchsgraphiker), Professor E. Krubeck (Landeskunstschule Hamburg), V. Lipinski (Industrie-Redakteur der Sunlicht-Gesellschaft Hamburg) und Dr. W. Passarge werden es mit ihrem Urteil außergewöhnlich schwer gehabt haben, denn es gibt eine ganze Anzahl durchaus gleichwertiger Werke hier, und – wie immer bei solchen Entscheidungen – wird man über die Preiswürdigkeit im einzelnen streiten können.

Genau zur gleichen Zeit hat die Mannheimer Galerie Rudolf Probst, die schon in anderen deutschen Städten gezeigte Schau Schweizer Werbeplakate hierher geholt und durch einige weitere Beispiele französischer und polnischer Plakatkunst ergänzt. Von einem Übergewicht des Auslands läßt sich bei dieser Vergleichsmöglichkeit nicht, sprechen, denn sowohl die handwerkliche Erfahrung wie der originelle Einfall fehlen auch den deutschen Graphikern nicht. Was bei den Schweizern besticht, ist die Großzügigkeit der Routine, die auf ein kontinuierliches, von den Erschütterungen und Hemmnissen der letzten fünfzehn Jahre fast unberührtes Wirtschaftsleben zurückgeführt werden kann.