Nur selten dringen aus Albanien Nachrichten in die Welt. Der 36jährige Diktator Enver Hodscha, der vollkommen unter sowjetischer Leitung steht, läßt, mit Ausnahme der üblichen Danksagungen an die Sowjetunion und Stalin, wenig von sich hören, und ebenso schweigen die aktiven Emigrantengruppen in Italien und in Jugoslawien. Um so mehr Aufmerksamkeit verdient es daher, daß kürzlich über Radio Tirana eine Verordnung bekanntgegeben wurde, wonach „alle terroristischen Organisationen und Aktivisten“ sofort zu liquidieren, die Schuldigen ohne Verzögerung vor Gericht zu bringen und die Urteile sogleich zu vollstrecken seien! Aus Konfidentenberichten ging gleichzeitig hervor, daß am 19. Februar ein Bombenattentat in der sowjetischen Gesandtschaft verübt worden, war, das mehrere Todesopfer forderte und eine Verhaftungswelle im Gefolge hatte, bei der unter anderem albanesisches Personal verschiedener anderer Gesandtschaften, besonders der rumänischen, betroffen war. Da man nicht annehmen kann, daß vor der erwähnten Regierungsanordnung die Existenz „terroristischer Organisationen“, die nicht gleichzeitig „Regierungsorganisationen“ waren, geduldet worden sei, muß also geschlossen werden, daß die Aktion, zu der der Bombenanschlag gehörte, diesmal in der albanischen KP selbst ihr Zentrum hatte. Darauf deutet auch das Objekt des Anschlages hin. Es wäre nicht zum erstenmal, daß der albanische Nationalismus gegen die Sowjets remonstriert. War es doch gerade auf der Basis einer solchen Auseinandersetzung vor zwei Jahren Enver Hodscha geglückt, sich seines größeren Konkurrenten, des damaligen Innenministers Dschodsche, zu entledigen, den er mit Hilfe der Russen vor Gericht stellte und als Spion zum Tode verurteilen ließ.

Bis zum Ausbruch des Konfliktes zwischen Stalin und Tito lag die Protektion Albaniens in jugoslawischer Hand, doch übernahmen sodann die Sowjets dieses Geschäft sehr dringend, schon weil Albanien die Rückzugsbasis der damals noch im Kampf stehenden griechischen Partisanen war. Nach Beendigung des griechischen Bürgerkrieges, fuhren die Sowjets fort, Fachleute, Polizisten und Offiziere nach Albanien zu schicken. Gleichzeitig wurden sie aber mit Lebensmittellieferungen immer zurückhaltender, was in dem Land, das noch nie aus eigener Kraft hatte leben können, eine wachsende Wirtschaftskrise und zeitweise Hungersnot hervorrief. Nach glaubwürdigen Angaben beträgt die Zahl der sowjetischen „Fachleute“ in Albanien heute mehrere Tausend, und ihr von Albanien bezahlter Lebensstandard fällt natürlich in dem kleinen Land, das nur eine Million Einwohner hat, sehr unliebsam auf. Das um so mehr, als sich die Russen nicht um den wirtschaftlichen Aufbau bemühen, wie es immerhin die Italiener taten, als sie von 1924 bis 1939 Achmet Zogu protegierten, sondern einzig nur auf den Ausbau der strategischen Position bedacht sind, die als einziger Zugang des Ostblocks zum Mittelmeer und als westlicher Zangenarm gegen das jugoslawische Mazedonien hohe Bedeutung hat. Daher auch haben die Sowjets die albanische Armee, die aus drei gutbewaffneten Divisionen besteht, gänzlich in die Hand genommen und die Kommandoposten fast ohne Ausnahme mit Russen besetzt. Der Hafen Valona, mit der vorgelagerten Insel Sasseno und den Halbinseln Lingvet und Karaburma, die alle schwer befestigt wurden, ist von den Sowjets besetzt; dort soll sich auch eine U-Boot-Basis befinden. Mit sowjetischer Artillerie besetzt sind ferner die Häfen San Giovanni und Durazzo. Zahlreiche schwere Küstenbatterien sind am Kap Radoni, an der Devolimündung und bei Santa Quaranta eingebaut. Gänzlich in der Hand der sowjetischen Fachleute ist das Öl im Devolital.

Diese herausfordernde Machtentfaltung der Sowjets muß natürlich den Widerstand der Bevölkerung gegen die „Fachleute“ und gegen die Kollaborationsregierung Hodschas immer wieder anfachen und den Emigrantengruppen einen fruchtbaren Boden für Propaganda und Umsturz bereiten. So wird der jüngsten Aktion gegen die Sowjetgesandschaft, wenn Hodscha die Schuldigen auch noch so heftig verfolgt, doch nach einiger Zeit eine neue folgen. – P. G.