Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, Ende März

An den Universitäten der „Deutschen Demokratischen Republik“ sind mindestens 20 000 junge Deutsche immatrikuliert. Ist es für die „Freiheit“ dieses akademischen Lebens schon bezeichnend, daß keiner der Studenten „von drüben“, vom anderen, also vom westlichen Deutschland kommt, so ist es ebenfalls nicht von ungefähr, daß das alte wesentliche Privileg des Studenten, nämlich den Platz des Studiums, den Dozenten und die Fakultät selber wählen zu können, aufgehört hat. Zum Studium ist der in der Sowjetzone aufwachsende junge Mensch delegiert. Platz und bald auch wissenschaftliche Disziplin bestimmt der FDJ-Verband. Und die Staatspartei des Ostens, die SED, ist jetzt dabei, auch energisch die Studienpläne, die Lehrstoffe, vorzuschreiben. Schon haben die Universitäten der Sowjetzone die Auflage bekommen, im Herbst 1951 mit dem von der SED nach sowjetischer Vorlage ausgearbeiteten Studienplan ohne Einschränkungen zu beginnen. Als Vorbedingung verlangt das Zentralkomitee der SED nicht das Abiturienten-Examen, sondern eine Gesinnung: den Entschluß zu einem „unversöhnlichen Kampf gegen alle reaktionären Ideologien, gegen den bürgerlichen Objektivismus, den Kosmopolitismus und Sozialdemokratismus“. So tritt heute die Sowjetisierung der Universitäten in ein entscheidendes Stadium. Das Parteidokument über die nächsten Aufgaben der Hochschulen präzisiert drei Nahziele: erstens, „das gesellschaftliche Grundstudium an allen Fakultäten wirksam durchzuführen“; zweitens „das Studium der Naturwissenschaften und exakten Wissenschaften zu fördern“; drittens, „die Ergebnisse der Sowjetwissenschaft und der Wissenschaft der volksdemokratischen Länder ohne Verzögerung den Angehörigen des Lehrkörpers und unseren Studierenden zu vermitteln“.

Es ist ein Professor Hartig, der – zum Hochschulkommissar im sowjetzonalen Volksbildungsministerium ernannt – all diese Aufgaben besorgen soll. Prompt hat er alle Hochschulabteilungen bei den fünf Länderministerien der Sowjetzone aufgelöst und sich selbst zum selbständigen Staatssekretär im Volksbildungsministerium machen lassen. Nun, dieser Experte hat ein langes sowjetisches Hochschulstudium hinter sich. Ein Mann eindeutig sowjetischer Linie. Neben ihm ist für das Gebiet der höheren Schulen ein weiblicher kommunistischer Staatssekretär, nämlich die Frau des Staatssicherheitsministers Zaisser, in Erscheinung getreten.

Ausgerechnet „Richtlinien für die Verbesserung des Deutschunterrichts an den Oberschulen“ liegen Frau Professor Zaisser am Herzen. Und wofür ist ihr die deutsche Sprache gut? Zur „Schaffung eines ideologisch klaren, fortschrittlichen Bewußtseins, um den konsequenten Kampf gegen Objektivismus, Kosmopolitismus und Pazifismus führen zu können“ ... Und wer gilt ihr als der beste Lehrer der deutschen Sprache? „Für die Erziehung zur Beherrschung der Sprache sind die Werke Stalins Vorbild.“ So weist sie an und befiehlt, daß Stalins Schrift „Über den Marxismus in der Sprachwissenchaft“ zur Pflichtlektüre und Unterlage der Sonder-Seminare für alle Deutschlehrer in der Sowjetzone gemacht werde. – Was aber sagen die Lehrer selbst dazu? – Zwar sind etwa 60 000 in Kurzkursen geschulte kommunistische „Volkslehrer“ heute bereits an sowjetzonalen Schulen tätig. Aber dennoch hat die SED jetzt Anstalten treffen müssen, die Abwanderung von vielen Lehrkräften in andere Berufe und noch mehr in die Bundesrepublik durch Strafbestimmungen zu stoppen, wenigstens solange zu stoppen, bis die über die FDJ in die Schulen und Hochschulen „hineinwachsenden“ pädagogischen „Aktivisten“ reif sind. Da aber bei älteren Lehrern die Vernunft größer ist als der Aktivismus, deshalb sind die Aktivisten besonders im Erziehungswesen jung. In dieser Beziehung übertrifft, wie inzwischen auf vielen anderen Gebieten, der kommunistische Staat den nazistischen noch um beträchtliche Grade –: die eben bestallten „Volksbildungsminister“ von Mecklenburg und von Brandenburg, Laabs und Brasch, sind zusammen nicht mehr als 50 Jahre alt. Daß beider FDJ-Minister, denen Schule, Hochschule, Kirche, Theater, Kunst und Jugenderziehung in zwei der fünf sowjetzonalen Länder ausgeliefert sind, ein paar Wochen, zum Intouriststudium in der Sowjetunion waren, das ist ihre ganze Qualifikation.

Daß dennoch noch Schulen und Hochschulen zwischen Elbe und Oder existieren, erklärt sich aus der resignierenden Reserve, mit der von den verbliebenen Lehrern und Wissenschaftlern wenigstens Reste des eigenen Denkens vorerst bewahrt werden können. Gerade dieser Reserve aber wird nach dem neuen Hochschulplan die Pflicht zu einem sogenannten „gesellschaftswissenschaftlichen“ Studium für alle Lehrenden und Lernenden entgegengesetzt. Und die Prüfungskollegien in dieser neuen „Disziplin“ werden aus FDJ-, SED- und Hochschulfunktionären zusammengesetzt sein. Dennoch warnt in gelegentlichen Empfehlungen die SED ihre FDJ-Funktionäre, gegen diejenigen älteren Professoren etwa mit Boykott vorzugehen, die von ihr selbst als unentbehrliche Fachkräfte vorläufig geduldet werden. Man sammelt zwei Listen mit den Namen unzuverlässiger Professoren, doch man läßt sie noch im Amt. Einfach deshalb, weil kein Ersatz vorhanden ist. Heute jedenfalls gibt es den vollendeten sowjetisch-kommunistischen Dozenten und Lehrer in der Sowjetzone trotz allem noch nicht in ausreichender Zahl, und nur klein ist die Gruppe von stramm stalinistischen Professoren. Wobei bei dieser kleinen Gruppe ins Gewicht fällt, daß zu ihr noch die Pseudo-Professoren, wie Elster, Kantorowicz, Rena, gehören, denen der akademische Titel nur als Preis für ihre Wiederkehr aus der Emigration zuteil wurde.