Von Hans Joachim Moser

Der Verfasser dieser Betrachtung ist heute Direktor des Städtischen Konservatoriums in Berlin, des ehemaligen weltberühmten Sternschen Konservatoriums. Er hat auf Grund seiner Erfahrungen vieles bereits in die Praxis umgesetzt, was hier als allgemeine Anregung erörtert wird.

Wer heute eine Musikhochschule oder ein Konservatorium von Hochschulrang leitet, muß sich in erster Linie als Berufsberater fühlen. Es gilt nicht nur, vielen jungen Menschen, denen die Musikausbildung unter den Nachkriegswirren ein rettender Hafen zu sein schien, die individuelle Aussichtslosigkeit dieses gewählten Notweges klarzumachen, sondern auch den an sich ausreichend, ja vielleicht sogar Hochbegabten die Richtungen zu zeigen, in denen am Ende der Studienzeit die Aussicht auf eine erträgliche Wirtschaftsbasis winkt. Denn der Tonkünstler kann und darf keinesfalls darauf rechnen, lebenslang Ehrenstipendiat der Gesamtheit zu werden. Als im letzten Dezember eine altberühmte Ausbildungsstätte das Fest des hundertjährigen Jubiläums mit 85 hervorragenden Lehrkräften beging, stand von den 600 Studierenden nur etwa für die Hälfte ein klares Studienziel fest (anderswo dürfte es ähnlich liegen): die Orchesterschule und Streicherabteilung, das Privatmusiklehrerseminar und die Opernschule, das Seminar für Lehrer an Volksmusikschulen und die Gruppe für Unterhaltungsmusik – sie haben mit zusammen rund 300 Köpfen eine ziemlich sichere Aussicht, soweit sie gesund bleiben und nicht vielleicht vorher „weggeheiratet“ werden, eine Anstellung im Musikleben zu erhalten. Aber die Studierenden für Klavier, Cembalo, Orgel und diejenigen des Konzert- und Oratoriengesangs hegen vorläufig fast nur Podiumsträume – und nur wenigen Allerbesten unter ihnen winkt hier eine Existenzmöglichkeit.

Da gilt es, nach Möglichkeit frühzeitig Luftschlösser zu zerstören und eine wohltätige Lenkung auszuüben – sonst stehn am Ende aller Illusionen auch hier nur das verbitterte Klaviertäntchen und bestenfalls die Sozialrente. Man soll geeignete Pianistinnen auf die Harfe im Orchester umdirigieren und ehrgeizige junge Musiker auf derzeitige Mangelinstrumente (wie Waldhorn, Oboe, Fagott, Violoncell) hinführen. Und es sollte gelingen, die zuständigen Behörden davon zu überzeugen, daß vorzügliche Kräfte für die Schul- und Kirchenmusik brachliegen und nützlicheren Zielen zugeführt werden können, als lebenslang überständigen Lisztvirtuositäten nachzujagen. Vor allem aber müssen diese Nachwuchstalente der Ausbildung als Jugendmusikleiter zugeführt werden, wo sie Sing- und Spielkreise, Volksliedsingstunden, Kammermusikzirkel zu leiten lernen; künftig sollte zumal in der Klein- und Mittelstadt kein Klavier-, Gesangs- oder Violin-Einzelunterricht erteilt werden, ohne daß der betreffende Musikpädagoge inmitten seines Schülerkreises auch in der Gemeinschaft wirkt und sich als ein kleiner Mittelpunkt der musikalischen Kulturpflege erweist. Naturgemäß wehrt sich vielfach noch das Trägheitselement gegen diese ungewohnten Aspekte – aber die regeren Intelligenzen wittern Morgenluft und sind dankbar für die Ziele, die sich ihnen dabei eröffnen. Wo sich allerdings die Möglichkeit zur Erreichung hoher Virtuosenziele ergibt, soll man diese Ausbildung mit allen Mitteln fördern – es wäre falsch, wollte man Begabungen solcher Art prinzipiell fesseln. Aber man treibe derlei nicht am ungeeigneten Objekt.

Zu diesen Fragen tritt eine sehr akute: die deutsche Beteiligung an internationalen Nachwuchswettbewerben. Hier haben wir in den letzten Jahren in Genf und anderswo schmerzliche Schlappen einstecken müssen, die nicht allein aus der politischen Stimmung zu erklären waren – es gibt russische und polnische Chopinspieler, amerikanische und französische Spitzenmatadore, gegen die unsere jungen Mitbewerber tatsächlich unterlegen waren – wenn man einzig auf die technische Rekordleistung spitzte. Wenn man freilich die Zusammensetzung der Prüfergremien studierte, so konnte es kaum verwundern, wenn in diesen bei anständigster subjektiver Gesinnung doch dasjenige wenig gefragt war, worin unsere Talente wahrscheinlich zumindest vollwertig konkurrieren konnten: nennen wir es kurz das Metaphysische der Interpretation. Dem könnte höchstens dadurch sein Recht werden, daß die Jurys stärker mit deutschen Meistern besetzt würden, was einstweilen freilich aus Prestigegründen kaum zu erhoffen steht. Es wäre falsch, wenn man das Training daraufhin ähnlich forcierte, wie es bei den Spitzenreitern der Sowjet-Musickultur der Fall ist, die auf wenige Stücke bis ins Letzte eingeschliffen werden. Das hieße Raubbau und Verbiegung am Besten unserer Talente treiben; wir können in dieser Situation nur unsere Startnennungen zurückhalten, bis die Bedingungen für uns durch die Einsicht „drüben“ wieder einigermaßen wesensgemäß geworden sein sollten. Es müssen innerdeutsche Wettbewerbe höchsten Anspruches geschaffen werden, die – ohne Eigenbrötelei – internationale Olympiaforderungen mit unseren inneren Wertmaßstäben im Gleichgewicht halten.