Der erste große amerikanische Atomprozeß – Es – war nicht schwer, zu spionieren –

R. Z. New York, Ende März

Vor einem Bundesgericht in New York geht in diesen Tagen ein außerordentlich spannendes Verfahren zu Ende: der erste große Atomspionageprozeß der Vereinigten Staaten. Drei armselige Leute, der Elektroingenieur Julius Rosenberg, seine Frau Ethel, und der Experte für Elektronenphysik, Morton Sobell, sitzen auf der Anklagebank. Wahrlich keine bedeutungsvollen Figuren; aber zusammen mit dem in einem anderen Verfahren angeklagten früheren Sergeanten David Greenglass, der die Hauptinformationen besorgte, zusammen mit dem bereits zu 30 Jahren Zuchthaus verurteilten Kontaktmann Harry Gold und mit dem englischen Atomspion Klaus Fuchs, der von einem britischen Gericht zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt würde, bilden der Physiker Sobell und die Rosenbergs eine Gruppe, die auf die militärische, politische, ja geschichtliche Situation, in der wir uns befinden, mehr Einfluß ausgeübt haben mag, als Dutzende von Außen- und Kriegsministern samt ihren Staatssekretären. Denn das New Yorker Gerichtsverfahren hat gezeigt, daß hier ein Spionagering am Werke war, der die Sowjetunion in die Lage setzte, die Produktion der Atombombe wenn nicht überhaupt erst zu ermöglichen, so jedenfalls entscheidend zu beschleunigen und zu erleichtern.

Der Prozeß, den der Bundesanwalt Irving Saypol mit der Beschuldigung einleitete, die Angeklagten hätten konspiriert, um „die einzige Waffe, die vielleicht den Schlüssel zum Fortbestehen dieser Nation und des Weltfriedens bedeutet, nämlich, die Atombombe“, zu stehlen und der Sowjetunion auszuliefern, erbrachte von Anfang an ein solch erdrückendes Beweismaterial, daß die Anklage alsbald auf mehr als drei Viertel der vorgesehenen 120 Belastungszeugen verzichtete, während die Verteidigung überhaupt keinen Zeugen vorführte. Der Prozeß rollte im Gerichtssaal wie ein Drama ab, dessen Vorspiel bis zu Ereignissen des Jahres 1939 zurückreicht. Ein Drama, das nicht nur eine politische und kriminelle, sondern auch seine traurige menschliche Seite hat. Denn der Hauptbelastungszeuge der Angeklagten Ethel Rosenberg war ihr – eigener Bruder!

Spionage en famille

Dieser Kronzeuge aber ist jener neunundzwanzigjährige David Greenglass, ein dicker Mensch mit einem harmlosen Mondgesicht. Er war im Jahre 1943 zur Armee eingezogen und im Jahre 1944 in das Atomwerk Los Alamos zur Arbeit als Maschinist beordert worden. Daß er für die Atombombe arbeitete, wußte er nicht. Er erfuhr es erst durch seine Frau Ruth. Hier seine Aussage darüber: „Als meine Frau, die in der Anklage gegen mich als Mitverschworene, nicht aber als Mitangeklagte genannt ist, im November 1944 zu Besuch kam, erzählte sie mir, daß Julius (Rosenberg, der Schwager von Greenglass) ihr gesagt habe, ich arbeite an der Atombombe. Rosenberg – so erzählte meine Frau – habe sie zum Essen eingeladen, und Ethel (die Frau Rosenbergs und Schwester von Greenglass) habe bei Tisch das Gespräch mit Her Bemerkung eröffnet, daß sie nicht mehr an der kommunistischen Parteiarbeit teilnehme, auch nicht mehr den „Daily Worker‘ kaufe und zu keinen Versammlungen mehr gehe. Der Grund sei, daß Julius jetzt den Punkt erreicht habe, den er immer angestrebt habe: er gäbe nämlich der Sowjetunion die Informationen direkt und ohne Mittelsmann. Julius habe hinzugefügt, er wünsche Informationen von mir, die er an die Russen weitergeben wolle. Meine Frau Ruth habe sich zuerst geweigert – so erzählte sie –, mir den Vorschlag mitzuteilen; schließlich fragte sie mich aber doch, wie ich darüber dächte. Erst erschrak ich und lehnte ab; Ruth aber meinte, die Rosenbergs hätten gesagt, daß Rußland ein Verbündeter sei und Anspruch habe auf die Informationen, die man ihm verweigere. Da überlegte ich die Sache und sagte zu.“

Greenglass also nahm sich der Sache an. Als er im Januar 1945 auf Urlaub nach New York kam, konnte er seinem Schwager Rosenberg schon Details der Arbeit an Explosivstoffen mitteilen Beschreibungen und Skizzen. Ferner gab er ihm die Namen der ihm bekannten Atomwissenschaftler, darunter den des dänischen Physikers Niels Bohr, der in Los Alamos den Decknamen Baker führte. In der Wohnung Rosenbergs gab Greenglass Erläuterungen zu seinen Skizzen; er diktierte sie seiner Schwester Ethel, während seine Frau Ruth – und Julius Rosenberg die Korrekturen machten. Bei dieser Gelegenheit erfuhr Greenglass, der zunächst von Rosenberg 200 Dollar, später von Harry Gold nach Übergabe von Dokumenten in Albuquerque 500 Dollar erhalten hatte, daß Rosenberg sich mit den sowjetischen Kontaktmännern regelmäßig in einer Kino-Loge traf, wo er sein Material übergab. Dieses Material betraf die Hiroshima-Bombe, von der nach Aussage Greenglass’ nur ein Exemplar produziert worden sei. Greenglass erklärte ausführlich, wie leicht es für ihn war, sich die Informationen zu beschaffen. Innerhalb des Sperrgebietes konnte er sich völlig unbehindert bewegen, und als einer von den 2000 dort beschäftigten Leuten bekam er alle Auskünfte sowohl von den Wissenschaftlern wie von den Technikern. Es war nicht üblich, die das Sperrgebiet verlassenden Personen zu durchsuchen; überdies konnte sich Greenglass auf sein Gedächtnis verlassen.