Der ökonomische Wert der deutschen Vorleistung zu der von den Politikern begrüßten, von der Wirtschaft mit Skepsis aufgenommenen Koordinierung der Eisen- und Montan-, Industrien von Deutschland, Frankreich, Belgien, Luxemburg, Holland und Italien geht eigentlich über das „Vorstellbare“ hinaus. Wenn Größenordnungen die Millionen-Grenzen überschreiten, sind sie nur noch für Wenige „greifbare Daten“. Dennoch muß versucht werden, jetzt schon einen Überblick zu geben, was aus der deutschen Souveränität an Wirtschaftskraft herausgeschnitten werden soll. Es ist der Wille der Politiker, den künftigen Regierungen und zwei Generationen – nämlich fünfzig Jahre lang! – die „nationalwirtschaftliche“ Steuerung und Führung von zwei seiner drei großen Schlüsselindustrien zu versagen und sie einer internationalen Behörde zu unterstellen.

Das Gesamtprodukt deutscher Hände Arbeit, das Sozialprodukt also, hat, nach Abzug der Besatzungs- und Reparationslasten, in Westdeutschland 1950 bei etwa 80 Mrd. DM gelegen. Wenn Bundestag und Bundesrat den Schuman-Plan annehmen, treten also Kohlenbergbau, Erzbergbau und Eisenindustrie unter ein besonderes „übernationales“ Recht. Es scheren damit aus, in Umsatzgrößen gerechnet, rund 4 Mrd. DM Sozialprodukt der Stahlwirtschaft (einschl. Erz- und Schrottwirtschaft) und rund 4 Mrd. DM Sozialprodukt des Steinkohlenbergbaus, zusammen 8 Mrd. DM oder etwa 10 v. H. des deutschen wirtschaftlichen Potentials. An Menschenkraft wandern in die europa-wirtschaftlichen Zukunftsgefilde aus dem Bergbau rund 435 000 Arbeitskräfte, aus der Eisen- und Stahlindustrie (einschließlich Schrottwirtschaft und Erzbergbau) rund 260 000 Arbeitskräfte, zusammen fast 700 000 Männer und Frauen, oder 5 v. H. der Gesamtbeschäftigtenzahl.

Leider kann, mangels statistischer Unterlagen, gegenwärtig noch nicht die anteilige Quote am Volksvermögen genauer berechnet werden. Die Vermögenswerte, die Kriegs- und Kriegsfolgezeit übriggelassen haben, sind noch nicht erfaßt. Nach vorsichtiger Schätzung aber dürfte der Anteil der Montanindustrie 15 bis 16 Mrd. DM am Volksvermögen ausmachen.

Nachfolgend sei der Versuch unternommen, ein Strukturbild des Kohlenbergbaus, des Erzbergbaus und der Eisenindustrie zu geben.

Deutschland verfügte vor dem Zusammenbruch über die Steinkohlenreviere Oberschlesien, Niederschlesien, Sachsen, Niedersachsen, Ruhr, Aachen und Saar. Die ersten drei wurden durch Jalta zunächst einmal dem Ostblock geopfert. Die Saar ging – zunächst – nach Frankreich. In diesen sieben Revieren waren 191 Mrd. t sichere Steinkohlenvorräte festgestellt worden, wovon 60,2 v. H. an den Osten fielen und 4,2 v. H. mit der Saar an den Westen. Die Vorräte des Bundesgebietes an Steinkohle werden jetzt mit 67 Mrd. t als sicher erfaßt angegeben.

Über eine Länge von rund 140 km erstreckt sich das Kerngebiet, das Ruhrrevier, zwischen Hamm bis an die Landesgrenze gegen Holland. Am Abbau der Ruhrkohle waren Ende 1949 (ohne die Kleinstzechen und Stollenbetriebe) insgesamt 141 Schachtanlagen beteiligt, die (1950) 110,7 Mill. t Steinkohle zutage gebracht haben. Wenn man bedenkt, daß vor hundert Jahren erst 2 Mill. t jährlich gefördert wurden, vor 50 Jahren gerade 60 Mill. t erreicht worden waren und 1939 eine Höchstmenge von 140 Mill. t aus der Erde kam, dann werden die Wachstumslinien dieser deutschen Schlüsselindustrie deutlich. Noch, schärfer markieren sie sich an der Entwicklung der deutschen Kokserzeugung, die zugleich die Parallele zur deutschen Stahlerzeugung bildet. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren noch nicht einmal 100 000 t Koks im Jahr ausgebracht; 1913 waren es schon 28 Mill. t, im Jahre 1940 aber 39,5 Mill. t.

Das Bild des deutschen Bergbaues ist freilich mit diesen Zahlen noch keineswegs umrissen. Mit ihm auf Gedeih und Verderb verwachsen ist die Veredelung, die Brikettierung, Verkokung, chemische Veredlung und Umwandlung in elektrische Energie. Durch Brikettierung werden die schwer absetzbaren und nicht verkokbaren Kohlensorten in marktfähige Sortimente umgewandelt. Auf 32 Zechen stehen insgesamt 187 Brikettpressen, von denen aber nicht alle in Betrieb sind. Die Steinkohlen-Kokereien des Ruhrgebietes liefern im Jahr fast 1 Mill. t Rohteer, fast 300 000 t Rohbenzol, und weit über 10 Mill. cbm Gas, ferner Ammoniak und weitere Grundstoffe.