Das Fehlen einer klaren Konzeption in unserer Wirtschaftspolitik spiegelt sich auch in der westdeutschen Messepolitik wider. Im Oktober vergangenen Jahres hatte man sich im Bundeswirtschaftsministerium zwar über den Ablauf der Messetermine geeinigt, aber wie nun – nach den Eindrücken der zurückliegenden Frühjahrsmessen – festzustellen ist, nimmt die Zersplitterung des Warenangebotes auf den einzelnen Messen fast verhängnisvolle Formen an.

Wir hatten Gelegenheit, eine Reihe ausländischer Geschäftsleute verschiedener Nationen über ihre Auffassungen vom westdeutschen Messegeschehen zu befragen. Sie reagierten überwiegend positiv, soweit sich das Gespräch auf die Qualität und das Preisniveau des deutschen Angebotes bezog. Alle aber waren einstimmig der Ansicht, daß sie nicht nur durch die Anzahl der sich förmlich jagenden Messeveranstaltungen verwirrt würden, sondern – was noch ausschlaggebender ist – auf keiner Messe ein vollständig ges Branchensortiment finden konnten.

Diese Verwirrung wurde temporär noch durch den Importstop gesteigert. Auch wenn man den Stop nicht auf die Messe-Devisenkontingente ausdehnte, waren diese doch so unzureichend, daß die ausländischen Aussteller ihre Enttäuschung nicht verbargen.

Wenn im Endergebnis das Exportgeschäft auf den Frühjahrsmessen sich doch noch überaus erfreulich entwickelte, so ist dies nicht zuletzt auf das offensichtliche Bestreben des Auslandes zurückzuführen, sich mit Konsumgütern einzudecken, die man im eigenen Land – auf Grund des Rüstungsvorranges in der Produktion – anscheinend nicht mehr ausreichend herstellen (oder beziehen) kann.

Man wird vom Ausland schwerlich verlangen, daß es für den jetzt zweifellos scharf entbrannten Konkurrenzkampf zwischen dem Typ der Zentralmesse herkömmlichen Stils einerseits und den Fachmessen andererseits Verständnis aufbringt. Der Ausländer bemerkt nur die praktischen Auswirkungen, und sie zwingen ihn, fast ein Vierteljahr unterwegs zu sein, um auch nur einigermaßen eine Übersicht über das Angebot der ihn interessierenden Branchen zu erhalten. Wir beobachteten auf der einen Messe vorwiegend Großfirmen der Textilindustrie, auf einer anderen viel Textilgroßhandel und nur kleinere textilindustrielle Unternehmen. Der ausländische Lederwarenimporteur konnte an Offenbach nicht vorübergehen, aber er mußte auch Hannover, Köln und Frankfurt besuchen, wenn er „im Bilde“ sein wollte. Ähnlich war es bei den Spielwaren, wo ein Nürnberger Besuch nicht umgangen werden durfte, und bei den Haushaltswaren wie natürlich auch bei den Textilien, die sich dem ausländischen Interessenten fast zugleich in Köln, Hannover und Frankfurt anboten. Wer kar von Übersee kommt, wird es sich kaum leisten können, inzwischen nach Hause zu fahren, wenn er noch rechtzeitig den Anschluß an die Technische Messe in Hannover oder an die Handwerksmesse in München finden will.

Wir meinen, es sei endlich an der Zeit, der Messeinflation Einhalt zu gebieten. Die Lösung des Problems einer organischen Zusammenarbeit der westdeutschen Großmessen ist von ihren Ausstellerbeiräten oft versucht worden – wie man sieht, ohne praktischen Erfolg. Die jetzt unbedingt notwendige Bereinigung liegt ja nicht nur im Interesse der Aussteller selbst, die vielfach nicht aus wirtschaftlichem Bedürfnis, sondern aus Konkurrenzgründen und repräsentativen Erwägungen auf mehrere Messen gehen, sondern berührt in erster Linie die westdeutsche Exportwirtschaft, die sich eine Atomisierung ihrer Leistungsschau – schon im Hinblick auf unsere prekäre Exportlage – nicht gestatten darf,

Was Messeausschüsse bisher nicht zustande brachten, sollte der Ausstellerschaft selbst möglich sein. Es genügt allerdings nicht mehr, daß die Aussteller ihren Messeplatz unter dem individuellen Gesichtspunkt der besten Geschäftsmöglichkeiten wählen. Hinzukommen muß eine Abstimmung über die Vollständigkeit des Auftretens der jeweiligen Branche an dem ausersehenen Messeort. Dann dürfte auch das Kuriosum der Vergangenheit angehören, daß bei den diesjährigen Frühjahrsmessen eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Firmen gezwungen war, ihr Warenangebot in Export- und Inlandskollektion aufzuteilen, um damit zwei verschiedene Messen zu beschicken. –nn.