E. G., London, Anfang April

Die klassische Theorie lautet, daß steigende Nachfrage über anziehende Preise zu höherer Produktion der betreffenden Ware führt, was wiederum die Preise zum Fallen bringt. Doch das setzt „reine“ Wirtschaft voraus. Es berücksichtigt weder die technischen Verzögerungen bei der Vermehrung der Produktion, bei der Bewältigung von Transportschwierigkeiten, bei der – nur in der Theorie sich automatisch ergebenden – „Rangordnung“ des dringenden Bedarfes über den Preis (einschließlich des Preises für das erforderliche Geld). Noch berücksichtigt es die außerwirtschaftlichen Faktoren, ob es sich nun um den Bauherrn handelt, der sich ein Scherengitter für seine Kellertür erstehen will „ohne Rücksicht auf den Preis“ oder um eine Regierung, bei der gleichfalls die „Sicherheit“ unendlich viel höher im Kurse steht, als das Zinn oder der Gummi oder die Wolle, die diese Sicherheit „herstellen“ helfen sollen.

Die erste Lehre, die man daher aus der leichten Entspannung der Rohstoff preise in den letzten Wochen ziehen muß, ist die, daß die Lager-Ansammlung, vor allem das „stock piling“ in den USA, weitergeben wird – und zwar neben den laufenden Bedürfnissen für eine mit militärischen und normalen Aufträgen voll in Anspruch genommene Wirtschaft hergehen wird. Stockpiling für Sicherheit enthält gleich zwei „unwirtschaftliche“ Momente: die Angst und die Erlaubnis, mit anderer Leute (nämlich der Steuerzahler) Geld zu kaufen. Niemand wird für diesen Teil der Käufe – für die Lagerkäufe und für die Rüstungskäufe, vor allem soweit sie durch amtliche Instanzen erfolgen oder direkt beeinflußt werden – sehr viel Rücksicht auf wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten erhoffen, vor allem nicht auf eine „planmäßige“ Zurückhaltung der Nachfrage in wirtschaftlich, marktmäßig ungünstigen Augenblicken. Nicht einmal die „Einstellung“ der USA-Zinnkäufe erweist sich als vollständig; Der größte Teil erfolgt unter langfristigen Verträgen, nur etwa ein Zehntel vollzog sich am freien Markt...

Die zweite Lehre ergibt sich aus den außerwirtschaftlichen Momenten bei der Produktion. Gummi kann einerseits synthetisch erzeugt werden (und nicht nur die USA, sondern sogar britische Experten befürworten neuerdings in der Studienkommission der Westmächte, diese Produktion auch in Westdeutschland wieder aufzunehmen). Es kommt anderseits aus so „gefährdeten“ Gebieten wie Malaya, deren Produktion sehr plötzlich in kommunistische Hände fallen könnte. Was sich also zusätzlich, aus Wiederaufbau der Plantagen und unter dem Anreiz steigender Preise, an Gummiproduktion in Indonesien ergibt, kann sozusagen über Nacht in Malaya wieder verlorengehen. Wer könnte daher auf die „Gesetzmäßigkeit“ der Produktionssteigerung hoffen und dieser Hoffnung entsprechend disponieren? Umgekehrt müssen sich die Produzenten von NE-Metallen, Erzen wie Konzentraten sehr genau überlegen, ob es sich für sie lohnt, kostspielige Erweiterungen ihrer Bergwerke und ihrer Bearbeitungsanlagen vorzunehmen, wenn gegenwärtig nicht nur ein hoher laufender Bedarf, sondern auch, übers Stockpiling, ein künftiger Bedarf am Marke erscheint, der irgendwann später, wahrscheinlich gerade bei einer neuen Bedarfsspitze, aus den Lägern statt aus der – erweiterten. – Produktion gedeckt werden wird. Deshalb rührt die Zinknot beispielsweise das Herz der großen Erzeuger in Nordamerika oder in Australien nur sehr wenig...

Es wäre also für den Käufer, den Verarbeiter von Rohstoffen, gefährlich, wenn er seine Dispositionen nach der klassischen Theorie einrichten wollte. Was er tun sollte, ist eine Anwendung der klassischen Theorie (und der von ihr erforschten Gesetze) auf mutmaßliche außerwirtschaftliche Einflüsse. Konkret gesprochen, liegt kurzfristig das Schicksal der internationalen Rohstoffpreise in den Händen von zwei Amerikanern. Der eine ist, man erschrecke nicht, General MacArthur. Nicht nur seine Handlungen in Korea beeinflussen das internationale Stimmungsbarometer und damit auch die Rohstoffpreise: auch seine weiteren strategischen Absichten und politischen Schnitzer bestimmen das Tempo, in dem sich die Fronten wie auch die noch friedlichen Grenzen in Asien verhärten und versperren. „Jedes Wort von MacArthur beschleunigt ungewollt die asiatische Autarkie“, meinte kürzlich ein Kenner Asiens in der City – und er meinte damit nicht nur das bereits kommunistisch beherrschte Asien! Der andere Amerikaner ist dann der „Rüstungschef“ Wilson, der Amerikas Rüstungsproduktion – ohne dauernde Störung der zivilen Produktion! – bis Mitte 1952 auf volle Touren bringen will. Gerät er in Schwierigkeiten, gleichgültig, ob technischer, wirtschaftlicher oder politischer Art, wird sein Programm aufgehalten, so wird damit auch die aufsteigende Kurve des Rohstoffverbrauchs in den USA nicht so steil ausfallen, wie dann, wenn er Erfolg hat.

Der Chronist würde seiner Aufgabe nicht genügen, wenn er die City-Eindrücke verschweigen wurde, die dahin gehen, daß sowohl MacArthur (mit seiner „Förderung der asiatischen Autarkie“) als auch Wilson (mit seiner Steigerung des amerikanischen Rohstoff Verbrauchs durch Schaffung zusätzlicher Fabriken für die USA-Rüstungsproduktion) weitgehend Erfolg haben dürften. Das bedeutet aber: ständig steigende Rohstoffbedürfnisse der USA für laufende Produktion einerseits, ständig zunehmende Abriegelung asiatischer Lieferquellen für die westliche Welt anderseits. Hinzukommen noch die Käufe zur Lagerbildung, hinzukommen die militärischen Gefahren für gegenwärtig noch unter westlicher Kontrolle stehende Rohstoffquellen.

Der Preistrend für Rohstoffe wird also eher aufwärts als abwärts gerichtet sein und jedes Nachlassen der Preise wird stets als vorübergehend gewertet, werden müssen. Dementsprechend aber wird man sowohl die Produktionskalkulation der Preise für Fertigwaren als auch die Kalkulation der Verbrauchsmengen einrichten müssen. Freiwillige Rohstoffeinsparung jetzt, durch Fortschritt oder durch leistungsfähige Substitute, wird ebenso Ärger über Mängel der Zukunft ersparen können, wie die Einschaltung eines „flexiblen“ Rohstoffmoments in allen Kalkulationen.