Am 7. April dieses Jahres wäre der große deutsche Architekt Heinrich Tessenow 75 Jahre alt geworden.

Tessenows Bauten sind wie gewachsen und verbinden sich mit der Umgebung zu einer Einheit; sie sind einfach und still; aber wenn die Aufgabe es verlangt, auch kräftig, eigenständig, monumental. Betritt man einen seiner Räume mit den unauffälligen Möbeln, wird man eingefangen von stiller Musikalität, von beglückenden Form- und Farbklängen.

So still es in dieser durch Schrift, Zeichnung und Bau gestalteten Welt auch zugehen mag, so lebensträchtig ist sie wiederum. So unwirklich sie oft und vor allem dem flüchtigen Besucher erscheint, so wirklich ist sie von Tessenow beschrieben und gestaltet, so wirklich könnte sie von uns fortentwickelt werden. Es gibt in dieser Welt keine laute Schwäche, aber eine um so stillere Stärke; sie lebt nicht von äußerem Schein, sondern von innerem Sein. Diese Welt baut sich auf dem Gesetz der lebendigen, erhaltenden Kraft der „Mitte“ auf. Die Mitte ist für Tessenow das Feld, das es am meisten zu pflegen gilt, weil es am meisten Frucht trägt; nicht das es allein die Welt ausmachen solle, daß es alles andere und anders Lebende überwuchernd erstickte: die Mitte ist. die große Ausgleichende, die Vermittelnde, die Versöhnende zwischen all den auseinanderstrebenden Gewalten, die unser Leben ausmachen; sie ist aber auch die Befruchtende der seltenen, am Rande blühenden Eintagsgewächse, die mit in den großen Weltgarten gehören,

Handwerk und Kleinstadt sind für Tessenow besondere Beispiele für die Kraft der „Mitte“, Diesem Gedanken widmete er eine schon während des ersten Weltkrieges geschriebene Abhandlung, Hier berührte er das Problem unserer großen Städte, und die Beschäftigung mit diesem Phänomen, das mit alternden Kulturwelten immer wieder in Erscheinung tritt, ließ ihn sein ganzes Leben hindurch nicht mehr los. Für ihn ist die Großstadt ein extremes Gebilde, ebenso wie das Dorf; „mutig“ zwischen diesen liegt die kleine Stadt. Die Großstadt und ihre Bewohner entwickeln sich – ihrer einseitigen Situation entsprechend – einseitig; ihre Interessen sind spezieller Natur, sie sind nicht verstehend, versöhnend, nicht ausgleichend, wie es die Kleinstadt und ihre Bürger mit ihren Verpflichtungen und Verflechtungen nach allen Seiten hin sind.

Es könnte so scheinen, als sei Tessenow zu einer völligen Ablehnung der Großstadt gekommen; sicherlich hat er sie nie ausdrücklich bejaht; sicherlich hat er aber auch nie von der Unmöglichkeit lebendiger großer Städte gesprochen, und vor allem – dies ist besonders bemerkenswert – hat er ihr Vorhandensein nie als ein Merkmal alternder, untergehender Kulturen angesehen.

Die Betrachtung der großgesellschaftlichen Zusammenhänge unserer städtischen und ländlichen Siedlungsformen öffnete Tessenow den Blick für allgemein-menschliche Bindungen. Und so wird auch seine Architekturerziehung Ausgangspunkt einer Lehre, die auf den ganzen Menschen abzielt, die über die Schulung des Nur-Formalen, Nur-Oberfläche-Schaffenden hinaus in tiefere Bezirke vorstößt. Feld und Garten müssen gepflegt werden, aber dem Kraft zeugenden Grund gilt die Hauptarbeit, und dies vor allem in Zeiten des sichtbaren Verfalls. So baut Tessenow die Lehre auf: von dem Mittelstand als der lebendigen Kraft eines Volkes, von der Kleinstadt als der gesunden Form von Siedlungstätigkeit, von Deutschland als dem „Land in der Mitte“.

Immer weiß er unsere materiellen und immateriellen Dinge zu ordnen und ihnen den rechten Platz anzuweisen. Technik? Ja! Aber daneben viel Handwerk mit denkenden, gesunden Menschen! Großstädte? Ja! Aber daneben viel Kleinstadt, führende Kleinstadt! Kunst? Ja! Aber daneben viel kindlich-einfacher Glaube! Mit sicherem Instinkt, mit naiver Gläubigkeit wurde von Tessenow das Rechte am rechten Ort gesagt und von ihm selbst in seinen eigenen Werken getan. Otto Kindt