Versteigerung in Hamburg

In diesem Frühjahr wirkt sich die wachsende Bedeutung Hamburgs auf dem Kunstmarkt durch zwei wichtige Versteigerungen aus, die den europäischen Handel angezogen haben. Denn bis auf einen Hamburger Sammler waren es die internationalen Händler, die das Angebot aufnahmen.

Im Hotel Atlantic, wo Dr. Rudolph seine zweite Versteigerung abhielt, deren Material ein opulenter Katalog verzeichnete, war in diesen Tagen eine Stimmung, die man von Vorkriegsauktionen bei Graupe und Hans W. Lange in der Berliner Bellevuestraße her kannte. Bei der Vorbesichtigung „sprachen“ die edlen französischen Möbel, die Stiche, das Silber, die geschliffenen Gläser und die gotischen Plastiken schon so, wie sie in den Räumen der Käufer wirken werden. Blumen standen auf den Tischen und kostbare Teppiche lagen auf dem Boden. Nur dem Eingeweihten war erkennbar, aus wieviel Quellen, besonders aus dem Handel, diese ganze Pracht zusammengeflossen war. Die Zusammenstellung der Auktion entsprach der in Europa und Übersee steigenden Nachfrage, die aus der neuen Konjunktur entspringt. Zu dem Silber hatte die Großherzoglich-Mecklenburgische Silberkammer einige Prunkstücke beigesteuert – eine Deckelterrine, die das Zeichen der Schweriner Beschau trug, mit reichem Rokoko-Ornament, dem man allerdings die provinziellen Formen ansah, brachte 2300 DM. Gesuchter waren alte silberne Teller, Schalen, Platten, wenn sie Formen zeigten, die auch heute noch bei Tische gebraucht werden können (zwei große Hamburger Platten 820 DM, zwölf Augsburger Teller 2800 DM). Die Gläser, die die Sammelleidenschaft eines Berliner Händlers vereinigt hatte, entfesselten mehr als einmal den Streit zwischen einem Hamburger und einem Bremer Sammler, der 1000 DM für einen böhmischen Kurfürstenhumpen zahlte. Aber auch der deutsche und skandinavische Handel beteiligte sich lebhaft. Die französischen Möbel, zum guten Teil aus dem Berliner Handel, brachten, wie erwartet, hohe Preise. Ein Sofa und sechs Sessel, Paris um 1780, mit Aubusson-Bezügen, wurden mit 10 000 DM einem Auftrag zugeschlagen. Ein Bureauplat, Paris um 1740, stieg auf 8200 DM. Besonders gesucht waren in kleinen Wohnungen, verwendbare feine Gebrauchsmöbel, wie Sessel, Stühle und Kommoden. Vier Hamburger Mahagonistühle um 1760 kosteten 1000 DM.

Ohne die Käufe eines westdeutschen Sammlers hätte es in der Abteilung der Gemälde manchen Rückgang gegeben. Er erwarb das kleine Blumenstilleben aus dem Kreis des Jan Brueghel für 6300 DM, ein frühes Rubensbildnis für 20 500 DM, eine Menzel-Gouache für 2000 DM, ein Flinck-Porträt für 2000 DM, das reizende Figurenstück von Pittoni für 2500 DM und eine große Quantität von Bildern und Stichen. Die Versteigerung war, international gesehen ein großer Erfolg, der Umsatz belief sich auf mehrere hunderttausend D-Mark.

Der Versteigerung bei Dr. Hauswedell, die den gewohnten traditionellen Aufbau zeigte, wohnte ebenfalls ein internationales Händlerpublikum bei. Der Nachdruck lag auf den frühen illustrierten Büchern, die aus einer mitteldeutschen Lehnsbibliothek stammten. In lebhaftem Gebot erreichte die größte Kostbarkeit, der erste datierte Lübecker Druck (1475), eine mit prachtvollen gotischen Holzschnitten illustrierte Chronik, 7000 DM. Ein Schrotblatt, den Heiligen Hieronymus darstellend (südwestdeutsch um 1470), – in einer Inkunabel eingeklebt – stieg in mächtigen Sprüngen von 1500 DM – die Taxe – auf 5100 DM und wurde dem Münchner Antiquar H. Domizlaff zugeschlagen. Ein Zeichen für die Kraft, mit der die Sehweise unserer Zeit, die sich dem unperspektivischen Bild wieder zuwendet, überall dort, wo sie sich verwandt berührt fühlt, hohe Preise auf dem Kunstmarkt erzeugt. Erhard Göpel