Der mehr als 20 Jahre alte Charlie-Chaplin-Film „Lichter der Großstadt“ hat einen neuen Siegeszug über die ganze Erde angetreten, auch in Hamburg (Bali) und in vielen anderen Städten der Deutschen Bundesrepublik zog er das Kinopublikum wie ein Magnet an.

Sechzig Jahre ist er heute alt: der Mann mit dem schlechtsitzenden Anzug, den viel zu großen Schuhen, dem verbeulten steifen Hut und dem unvermeidlichen Rohrstöckchen. Ein ganzes Menschenleben lang war er der vom Schicksal gezwickte Vagabund; ein Don Quichote der Vorstädte und ein Till mit dem unbarmherzigen Menschenspiegel. Wenn er, verachtet, schmutzig und ärmlich durch die Welt schreitet und mit dem gleichen Strohhalm, an dem er sich vor dem Ertrinken rettete, seinen Peiniger hinter dem Ohr kitzelt, dann macht er die Menschen lachen und weinen zugleich. Auch in seinem letzten Film, als „Monsieur Verdoux“, ist er ein Don Quichote, aber ein Don Quichote der großen Welt, und ein Till, in dessen Spiegel sich nicht mehr die Menschen, sondern die eigene Eitelkeit und Gier reflektieren. „Monsieur Verdoux“, der jahrelang als gewissenhafter, fast pedantischer Kassierer in einer Pariser Bank arbeitet, wird eines Tages zum Mörder, weil er glaubt, so sein Geld leichter verdienen zu können. Aber in seinem Innersten bleibt er der gewissenhafte, fast pedantische Kassierer. So, wenn er das Gift mixt und die geraubten Geldscheine seiner Opfer zählt. Mit „Monsieur Verdoux“ hat Charlie Chaplin nicht nur einen inneren, sondern auch einen äußeren Trennungsstrich gezogen. Aus dem Häufchen Mensch mit den viel zu großen Schuhen ist ein biederer Gauner in elegant geschnittenem Anzug, Lackschuhen, dem peinlich sauberen Hut und einer Nelke im Knopfloch geworden. Und doch lebt unter dieser Maske immer noch der alte Chaplin. Und das ist vielleicht das Abseitigste am ganzen „Monsieur Verdoux“: Das Publikum unterliegt den blendenden Eskapaden des großen Charlie und steht zum Schluß ganz auf der Seite des „sympathischen“ kleinen Frauenmörders Verdoux. Genau wie den „Monsieur Verdoux“ hat Chaplin auch den „Diktator“, den Film in der Maske Hitlers, nicht zum Anlaß schonungsloser Anprangerung genommen, sondern um seinen „Helden“ lächerlich zu machen.

In den „Sieben Sätzen für einen Film-Komiker“ hat Chaplin einmal geschrieben: „Der Film hat telepathische Eigenschaften. Stell dich grinsend vor das gläserne Auge und das Bild wird traurig, wenn deine Freude geheuchelt war!“ Chaplins Augen heucheln nicht. Sie sind vielleicht das Echteste an der ganzen Figur des großen Vagabunden. Es gibt Leute, die behaupten, Charlie Chaplins Augen sähen immer noch die grauen, drückenden Londoner Slums, in denen er aufgewachsen ist. Der berühmte Musikal-Clown Grock berichtete über seinen Kollegen Chaplin: „Ich war während all der Zeit, als Chaplin und ich zusammen an einem Varieté arbeiteten, nur zweimal Zeuge, wie Charlie lächelte. Und dieses Lächeln erinnerte mich an ein Kindheitserlebnis. Als ich meiner Mutter einmal erklärte, ich wolle noch reicher werden als der reichste Mann dies Kantons Bern, erhielt ich Schläge. Chaplins Lächeln schmerzte genau so!“ Als die Welt schon längst dem kleinen unscheinbaren Kerl aus „Zirkus“, „Goldrausch“, „Lichter der Großstadt“ und „Die neue Zeit“ zujubelte, da begegnete Chaplin noch einmal seinem Kollegen Grock. „Du, Grock, wir sind immer noch nicht berühmt, immer noch nicht groß, wir müssen weiterkämpfen, weiterarbeiten. Wenn wir groß sind, dann sind wir alt!“ Das sagte der größte Komiker, der größte Darsteller der Welt, der Millionär und Schloßbesitzer Chaplin. Neulich erschien in allen größeren amerikanischen Zeitungen folgendes Inserat: Der anerkannt beste Komiker der Welt sucht 20–24jährige Partnerin für seinen neuen Film „Footlight“ (Rampenlicht). Charlie Chaplin. E. W.