Ronald Duncans „Stratton“ in Bochum

Bochum, Anfang April

Der englische Bühnenschriftsteller Ronald Duncan war in Deutschland bisher nur als Librettist von Benjamin Brittens Kammeroper „Der Raub der Lukretia“ bekannt. Auf Duncan war dabei die seltsame Kopplung der antiken Leidenschaftstragödie mit einem christlich reflektierenden Zwei-Personen-„Chor“ zurückzuführen. Jetzt präsentierte sich der sechsunddreißigjährige Autor auch mit einem Schauspiel der Sprechbühne – „Station“ –, das in Bochum seine deutsche Erstaufführung fand. Duncan erweist sich ideologisch und formal jener kleinen Gruppe britischer Dichter zugehörig, die wie Eliot und Fry bei ihren schonungslosen Analysen der Lebensangst und Inneren Verfallenheit des modernen Menschen doch nicht den Boden des Glaubens verloren haben. Die Anziehungskraft ihrer keineswegs bequem zugänglichen Bühnenwerke ist jedoch nicht nur durch den „ermutigenden“ Hoffnungsstrahl eines möglichen, zur Religion führenden Auswegs begründet, so sehr das Theaterpublikum seit der Flut nihilistischer Stücke auch danach verlangt. Duncan strebt – ebenso wie Eliot und am überzeugendsten bisher Fry – über das psychologisch-analysierende Situationsgemälde hinaus zu einer neuen Bindung von Gestalt und Idee in einem die Wirklichkeit überhöhenden Versdrama. Mysterienhafte Sinnsprüche, Traumszenen und stimmungverdichtende Musik von Britten sind weitere Formmittel, um die bildkräftige, Unwägbares begrifflich und gleichnishaft erhellende Sprache (Übersetzung Rudolf Alexander Schröder) zu stützen.

Von der schmalen Story her betrachtet, handelt es sich in „Stratton“ um einen Kriminalfall. Der Titelheld ist britischer Oberrichter, eine ragende Säule des öffentlichen Lebens und privatim Herr eines seit Jahrhunderten im Familienbesitz überlieferten Landgutes. Angeregt durch die zweiflerischen Erkenntnisse seines Pfarrers, bricht in Stratton plötzlich der Damm von Tradition, Konvention und moralischem Selbstbetrug. Er riskiert, ehrlich gegen sich selbst zu werden, und bekennt sich mit der Tat zu seinen geheimsten Wünschen. Er erschießt seinen Sohn, weil er dessen, junge Frau begehrt, und erdrosselt seine eigene Gattin. Kaltblütig übersteht er das gerichtliche Verhör, das Selbstmord feststellt. Am Ziel seiner Wünsche muß. Stratton jedoch die Passion des seiner Hoffart erliegenden Menschen erleben, Durch Selbstdemütigung findet er den Weg zur erlösenden Gnade. Diese Entwicklung wird vom Autor folgerichtig und ohne billige Kapitulation vor frommen Formeln gezeichnet. Besonders der erste Akt hat auch starke theatralische Spannungen. Obwohl Duncan der theoretischem Verstiegenheit nicht ganz entgeht und auch dramaturgische Mittel des Familien- und Kriminal-Stücks noch nicht überall in die ihm vorschwebende Einheit seiner modernen Verstragödie verschmilzt, erzwingen die Intensität seines Anliegens und die Faszinationskraft seiner seelischen Auffächerung mit theatralisch wirksamen Mitteln bis zum Schluß steigende Anteilnahme des Zuschauers.

Die Bochumer Premiere war von Hans Schalla als Spielleiter, als Initiator auch des Bühnenbildes und Darsteller des Pfarrers geprägt. Daß das Wagnis gelang und auch vom Publikum laut akklamiert wurde, war hauptsächlich das Verdienst von Schallas Regie. Sie erzeugte eine im Komödiantischen fesselnde, darüber hinaus aber auch den sublimen Geist des Ganzen treffende und seine eigenartige Form verdichtende Aufführung, die den neuen Rang der Bochumer Bühne bestätigte. Darstellerisch ragte neben den Trägerinnen der beiden Frauenrollen (Edith Wien und Eva-Katharina Schultz) besonders Martin Held als Stratton hervor; ein fesselnder Charakterdarsteller von transparenter Verhaltenheit mit einer weiten Skala durchfühlter schauspielerischer Ausdrucksmittel. Johannes Jacobi