Von Norbert Jacques

Gerade als der Angestellte aus dem Delikatessengeschäft von gegenüber die Rolläden niederpoltern ließ, läutete bei Frau Barbara das Telefon und ein alter Freund ihres Mannes sagte sich zum Abendessen an. Barbara ließ sich alles Eßbare, was sie im Hause hatte, von ihrem Mädchen vorlegen: ein Döschen Tomatenmark, ein Kännchen Milch, angebrochene 150 Gramm Schinken, den Rest des Kalbsbratens vom Mittag, so groß wie ein Päckchen Tabak von 50 Gramm, eine kleine Büchse Erbsen, etwas Butter und ein Stück Gorgonzola in der Größe einer Streichholzschachtel, aber etwas eingetrocknet und nicht auftischbar, drei Eier und ein Stück Salami. Dann kam der Freund. Und nach einer Weile – erschien die Hausfrau und bat zu Tisch.

Als erstes gab es eine Tomatensuppe mit gerösteten Brotwürfeln. Der Gast ließ sich nochmal geben. Dies ist keine gewöhnliche Suppe, erwog er, gemacht mit Tomatenmark aus einem Blechdöschen, sondern mir will scheinen: ein kleines Kunstwerk... Rahm oder Milch, Paprika, dünne Zwiebelscheiben ... und diese blattdünnen Kalbfleischstreifen (Barbara hatte sie dem Britenrest abgelistet). Sie runden auf, sie heben die Suppe geradezu in eine andere Atmosphäre.

Bei dem zweiten Gang aber aß man auch mit den Augen. Da erschienen die sieben Zentimeter Salami in zahlreiche dünne Runde! geschnitten; die nicht enthäuteten Scheiben waren in der Pfanne auf einer Seite leicht angebraten worden und hatten sich an den Rändern aufgeworfen, so daß sie Schüsselchen bildeten. Jedes Schüsselchen war mit Erbsen gefüllt. Das Grün spielte mit dem in der Hitze hochrot gewordenen Fleisch aufs appetitlichste.

Als nächstes kam eine flache Platte, die wie ein grünes Beet aussah. Aber hingestellt sah man, daß sie unter Petersilienröschen in buntem Wechsel mit Schinken, Kalbsbraten und in Butter leicht geröstetem Kastenbrot ausgelegt war, alles in dem grünen Gärtchen halb verborgen. Frau Barbara hatte damit über die Augen ein wenig den Gaumen zu betrügen gewußt, indem sie die Augen als Empfangsorgan dem Apparat des Gaumens überordnete. Dazu hatte sie aus einem Mus von gemahlenen Zwiebeln und Petersilie, mit Essig, Öl und Senf eine Paste geknetet, sie mit Cayennepfeffer etwas brennend gemacht und auf jede Bratenscheibe ein fingerhutgroßes Häufchen gelegt.

Als der Freund fertig war, schob er mit einer unmerklichen Bewegung seinen Teller zurück, eine unbewußte Äußerung seiner Überzeugung: hiermit sei das improvisierte Fest aus. Nun war es wirklich ein Weilchen leer auf dem Tisch. Doch dann erschien erneut das Mädchen und setzte vor den plötzlichen Gast wiederum einen Teller, und auf dem lag ein leicht zusammengeschlagener Fladen, hahnenfußgelb, flockig an den Rändern angeschwellt, zur Mitte sich immer goldiger bräunend. Aus ihm schwebte eine duftige Süße auf.

„Fangen Sie gleich an!“ bat Barbara. „Man kann nur eins nach dem andern machen, und sie dürfen nicht kalt werden.“ Der Freund aß und sagte: „Gesegnet sei der Gast, der euch heute abend hat aufsitzen lassen und für den ich in die Bresche springe!“ – „Ich hatte noch drei Eier“, antwortete Barbara, „und das Restchen Erdbeermarmelade.“ – „Sie haben sie so gut angewandt, daß ich jetzt weiß, wie Manna schmeckt, und wissen möchte, wie solch ein Wunderwerk gemacht wird.“ – „Sehr einfach, auch wenn es in keinem Kochbuch steht. Die Eidotter werden stark mit Zucker verrührt, das Eiweiß steif geschlagen und vorsichtig dazugemengt. Ein Suppenlöffel davon wird einen Augenblick auf einer sehr heißen, mit wenig Butter gefetteten Pfanne aufs Feuer gebracht.“