Von Josef Marein

Der Hörer ist ein armer Teufel“, so schloß unlängst Friedrich Sieburg in der „Gegenwart“ einen Aufsatz, den er dem Rundfunk gewidmet hatte. Wir haben an dieser Stelle gleichfalls den Rundfunk kritisiert. dieser so lautete die Antwort: „Wer liest schon die ,Zeit‘ ...!“ die Vorzimmer des Generaldirektors Grimme sitzt nämlich ein Mann namens Dr. Wenzlau, der seinen Chef allmorgendlich Dr. einem „Guten Morgen, Herr Minister“ zu grüßen pflegt: der sagt nicht nur „Guten Morgen, Herr Minister“, sondern sagt auch: „Wer liest schon die ‚Zeit‘?“ Vielleicht liest er dann wenigstens die „Gegenwart“.

Es wäre läppisch, zu entgegnen: „Wer hört schon den NWDR?“ Der NWDR wird gehört, obwohl Professor Dovifat, Vorsitzender des „Verwaltungsrates“, einen Plan des Rundfunks, eine eigene Zeitschrift ins Leben zu rufen, mit dem Satz begründete: „Damit der Rundfunk auch auch einmal zu Wort kommt!...“ Von morgens bis nachts kommt der Rundfunk zu Wort, dreihundertfünfundsechzigmal im Jahre, und im Schaltjahr noch einmal mehr. Eben deshalb ist ja – um mit Sieburg zu sprechen – „der Hörer ein armer Teufel“: er hört den Rundfunk und weiß zugleich, die Leistung könnte zehnmal besser sein, wenn beim Rundfunk alles in Ordnung wäre. Mit einem Worte: Der Hörer – und dies ganz unabhängig von der Lektüre der „Gegenwart“ oder der „Zeit“ – weiß allmählich, daß das alltägliche Programm ihm nicht dank der Rundfunkleitung, sondern trotz der Rundfunkleitung zuteil wird. Seither ist er nicht nur ein armer Teufel, sondern seither weiß er sogar, daß er einer ist. Gewiß, eins bleibt ersichtlich: daß der Hörer für die zwei Mark, die er monatlich dem Rundfunk opfert, immer noch viel Erfreuliches und Nützliches preiswert bezieht, gemessen an den Preisen, die andere Vergnügungen oder Lebensnotwendigkeiten heute kosten. Aber wie der Hörer nun einmal ist, möchte er nicht nur auf seine Zwei-Mark-Kosten kommen, sondern er möchte, da er sich den Rundfunkapparat nun einmal angeschafft hat, Teilhabender an einer Kulturgemeinschaft sein. Und siehe: gerade hierin wird er enttäuscht.

Ach, es war ein schöner Augenblick, als Dr. Grimme, kaum, daß er die Generaldirektion des NWDR übernommen hatte, von durchaus ernst gemeinten hohen pädagogischen und kulturpolitischen Zielen sprach. Was aber ist dabei herausgekommen? Das „Glühwürmchen“ und die „Mondnacht auf der Alster“ und die Kapelle Hans Bund. Trifft man solche Feststellungen, deren Richtigkeit aus jedem Wochenprogramm leicht nachzuprüfen ist, so heben die Rundfunkleute die Hände und sagen: „Was sollen wir machen? Die Leute wollen so was hören, und also bieten wir’s ihnen!“ – Mit Verlaub! Die Kapelle Hans Bund mag ein noch so gutes Unterhaltungsorchester sein – und sie ist es tatsächlich –, aber das ist doch wohl kein Grund, sie jeden Sonntag hören zu müssen. Wenn wir schon immer dieselben zugkräftigen Musikstücke leichten Genres genießen sollen, dann doch wohl nicht immer von den gleichen Kapellen! Geschieht dies dennoch, so dürfen wir’s zwar nicht der Kapelle Hans Bund, gewiß aber den für die Unterhaltungsmusik verantwortlichen Programmleitern vorwerfen und getrost behaupten, es mangele ihnen an Phantasie. Und dies ist nur ein kleines Beispiel. Wenn das aber schon mit den ewig wiederkehrenden Kompositionen von Millöcker und Suppe an der Unterhaltungsmusik geschieht – was muß dann erst in den anderen Fächern des Programms geschehen! Der Sender tönt und tönt von morgens früh bis spät in die Nacht. Manch Gutes ist dabei, aber das meiste ist nichts als eine Geräuschkulisse, in deren Schutz sich das eigentliche Wirken des Rundfunks vollzieht.

Um ein anderes Beispiel zu erwähnen: Eine politische Aufgabe des Rundfunks hat bisher noch ein Verantwortlicher definiert, geschweige denn zu verwirklichen gesucht. Es gibt in dieser Hinsicht beim Rundfunk wohl Leute, die bremsen, kontrollieren und beschönigen, aber niemanden gibt es, der anregt, gestaltet und für tätiges Wirken die Verantwortung trägt. Es gibt – wir sagten es an dieser Stelle schon – keinen Chefredakteur. Und daher gibt es keine echte Arbeitsgemeinschaft, kein echtes Arbeits-Team. Die politischen Kommentatoren, die der Rundfunk beschäftigt, sind nicht nur auf sich allein gestellt, sie sind auch allein gelassen. Zwar pries der Generaldirektor Grimme einmal die Freiheit ihrer Rede, aber was er in praxi daraus macht, dafür ein kleines Beispiel: Peter von Zahn hatte unlängst die Aufgabe, den Schuman-Plan zu kommentieren. Er reichte sein Manuskript ein, und da war zunächst eine scharfe Kritik an der Haltung der Kommunisten, die ja dem Schuman-Plan feindlich gegenüberstehen. Sodann kritisierte Peter von Zahn auch jene Industriellen, die Einwände gegen den Plan erheben. Die Generaldirektion des Rundfunks hatte nichts gegen diese Kritik und korrigierte nichts im Zahnschen Manuskript. Wie anders aber, als Zahn auf Dr. Schumacher, den Vorsitzenden der SPD, zu sprechen kam! Zahn wollte von Ansichten sprechen, die aus „der sozialistischen Kiste alten Schlages“ stammen. Schon ward das allerdings saloppe Wort „Kiste“ in die verschönende Bezeichnung „Gedankengut“ umgeändert. Da aber gar über die Haltung Dr. Schumachers der Satz formuliert war: „Es läßt sich vielmehr aus der Haltlosigkeit seiner Sprache entnehmen, daß es ihm selber nicht ganz ernst ist“, da griff der Zensurstift energischer ein, strich diese Worte und legte Peter von Zahn einen weit harmloseren Passus in den Mund, einen Passus, der so begann: „Er läßt es allerdings offen, was er statt dessen will...“ Und so entgiftet, ging dieser Kommentar dann über den Sender.

Wohlverstanden: Gäbe es einen Chefredakteur, der – im überparteilichen Rundfunk wohl eine Persönlichkeit frei von Parteibindungen sein müßte, so stünde ihm das Recht einer Redaktion, gewiß zu; er würde ja Kräfte anregen und nicht nur zügeln. Er käme ja nicht in den Verdacht, daß er gegenüber einer einzigen Partei oder gegenüber einem einzigen Parteiführer, dem er dank seiner politischen Laufbahn verpflichtet wäre, Rücksichten müsse walten lassen. In anderen, weniger problematischen Abteilungen des Rundfunks gibt es allerdings verantwortliche Leiter, jedoch sie haben nicht Verantwortung genug. Stets und ständig wird den Intendanten der Sender und den Abteilungsleitern dreingeredet. Was Wunder, daß ihnen die schöpferische Initiative zum Teufel gehen muß! Wie lang ist’s her, daß Tucholski seine Regeln im Umgang mit Dichtern, Autoren und schöpferischen Menschen aufstellte und darin eine immer wiederkehrende Sentenz aussprach: „Laßt sie in Ruhe!“ Diesen Rat müßte man allen übergeordneten Rundfunkmächtigen – zumal denen, die im „Verwaltungsrat“ sitzen – täglich geben. Laßt sie in Ruhe! Gebt ihnen Vollmachten und laßt sie arbeiten! Dabei ist es tatsächlich so, daß viele Sendungen mit unendlicher Sorgfalt, großen Mühen vorbereitet werden und ohne Rücksicht darauf, ob die Aufnahmearbeit sich bis spät in die Nacht hinzieht, – Ja, woran liegt es dann, daß es doch immer hapert? An den Verfügungen „von oben“, die sich nicht mit Fragen der Qualität befassen, sondern mit Beckmessereien, so wenn ernsthaft vorgeschrieben wird, daß auch bei Musiksendungen der flötespielende König nicht Friedrich der Große, sondern Friedrich der Zweite zu nennen sei.

Ohne Zweifel gibt es zwei „Einheiten“ im Nordwestdeutschen Rundfunk. Die eine, die kleinere, sorgt fürs Programm; die andere, die größere, verwirtschaftet das Hörergeld, und dies auf eine Weise, daß demjenigen, der Gelegenheit hat, den Rundfunketat zu sehen, das blanke Staunen packt. Wie aber bekommt man Einsicht in den Etat? Ich höre, man kann ihn jetzt heimlich kaufen. Spezial-Interessenten-Preis 500 Mark.