Die rührige Kestner-Gesellschaft in Hannover zeigt jetzt in ihrem Haus, das längst zum wichtigsten Schaufenster der zeitgenössischen Kunst geworden ist, eine Serie neuer Aquarelle des achtzigjährigen Lyonel Feininger; dazu eine umfassende Ausstellung des sechsundvierzigjährigen Malers Fritz Winter. Beides sind ehemalige „Bauhäusler“, der eine Lehrer, der andere Schüler. Beides bedeutende und bekannte Maler, an deren Werk sich vergleichend der Weg erkennen läßt, den die vom „Bauhaus“ ausgehende Malerei einschlug.

Lyonel Feininger, von deutschen Eltern 1871 in New York geboren und seit seinem sechzehnten Lebensjahr in Deutschland tätig, gehört auch als „Amerikaner“ mitten hinein in das Bild der modernen deutschen Malerei. Es handelte sich bei ihm stets darum, bei voller Bewahrung der gegenständlichen Vision, die sich besonders gern an den winklig-kühnen, stets der Gotik verpflichteten Architekturen der alten deutschen Städte entzündete, die Zufälligkeit des Naturbildes durch Herauslösung der konstruktiven Elemente in die kristallinische Ordnung einer selbständig gebauten Bildgestalt zu überführen. Durch dieses Gitterwerk des abstrakten Bildgefüges entdeckt der Beschauer das Bild der Natur als wiedergeschaffene lyrische Wirklichkeit. So wird es möglich, in der reinen Sprache der farbigen Formen das beschreibende und dichterische Moment zu bewahren. Die Beschäftigung mit der abstrakten Architektonik des Bildes führte Feininger seinerzeit als Lehrer an das „Bauhaus“, wo jener neue, strenge Malstil entstand, der die Deklamationen des Expressionismus durch einen neuen konstruktiven Ernst überwand und der modernen Malerei die entscheidenden Anregungen vermittelte. Nach der Vernichtung des Bauhauses und der persönlichen Diffamierung Feiningers als „Kulturbolschewist“ verließ er Deutschland und kehrte nach Amerika zurück. Seine jetzigen Aquarelle bringen keine grundsätzliche Wandlung des Stils. Sie zeigen wohl ein betonteres Interesse an den Spielen des Atmosphärischen. Aber auch jetzt werden die flüchtigen atmosphärischen Sensationen sogleich in eine sichere kristallinische Ordnung eingefallgen, die zwar die flüchtigsten, duftigsten Reize von Farbe und Licht noch enthält, aber das Bild doch als einen selbständigen, über festen Ordnungen gebauten Organismus empfinden läßt.

Ganz anders Fritz Winter – und um einen kühnen Schritt weiter! Winter ist das, was man einen „abstrakten“ Maler nennt. Und doch scheut man sich, diese Bezeichnung auf ihn anzuwenden. Es ist soviel Seherfahrung in seinen Blättern niedergelegt, soviel Augenerlebnis zu Klängen farbiger Formen verarbeitet: Wind, der durch Gräser weht, ein huschender Sonnenstrahl über der Rinde eines Stammes, Spiegelungen im Wasser. Anlässe das alles, Erregungen, die sich in einem Formgleichnis wie in einem Kristall sammeln. Man kann ohne Schwierigkeit angeben, in welcher Jahreszeit diese Blätter gemalt sind, einfach aus dem farbigen Licht, das über ihnen liegt. Blätter, die dann Titel führen wie: „Fallender Herbst“, „Verschneiter Tag“, „Licht zwischen den Steinen“ oder „Aufbruch der Erde“. Es ist die besondere neue Art des Sehens, daß das Augenerlebnis unverzüglich in einen lyrischen Empfindungsraum hinüberspielt, den nur das abstrakte Gefüge farbiger Formen wirklich zu beschreiben vermag. Der späte Franz Marc hat viel davon gewußt, vor allem aber Paul Klee. Und hier liegt auch die künstlerische Herkunft dieses Malers. Winter war geraume Zeit am Bauhaus bei Kandinsky, Klee und Schlemmer. Seine Malerei hat ähnliche Voraussetzungen wie die Paul Klees, sie ist aber großformiger und robuster, härter in der Herausstellung der konstruktiven Elemente. Winter weiß außerordentlich viel von der Mitteilungskraft der farbigen Formen, weiß vor allem, daß sie, in Reinheit verwendet, uns gestatten – wie Winter sagt – „wirklich schöpferisch der Schöpfung nahe zu sein“.

Werner Haftmann