Daß beim „süchtigen“ Alkoholiker ein Element der Veranlagung wirksam ist, kann kaum bezweifelt werden. Es mögen aber auch andere Faktoren, besonders psychologischer Art, zum Alkoholismus beitragen. Eine bemerkenswerte Annäherung an das Problem scheint dem amerikanischen Psychiater Iago Gladston geglückt zu sein, der seine Ergebnisse dieser Tage vor der Medizinischen Akademie in New York vortrug. Gladston versucht gleich drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und den psychischen Defekt, den er beim Alkoholiker vermutet, auch – beim Spieler und beim Abergläubigen festzustellen.

Alkoholismus, Spielleidenschaft und Aberglaube, sagt Gladston, entwickeln sich auf der Basis einer kindischen Weltbetrachtung der davon befallenen Individuen. Die betreffenden Personen haben ihre Kinderwelt teilweise in das Leben des Erwachsenen mitgenommen. Die Welt des Kindes aber ist eine magische Welt, in der sich Vorgänge ohne jede Ursache ereignen, in der sich Tatbestände vorfinden, die das Kind einfach mit Hilfe seiner Phantasie nach Belieben zu ändern vermag. Der Glauben an solche Vorgänge ohne Ursache ist beim erwachsenen Abergläubischen immer noch vorhanden; er fühlt fortwährend wie ein unbekanntes und kapriziöses Schicksal über ihm hängt. Der Alkoholiker seinerseits versucht seine Probleme zu lösen, indem er, wie vorher als Kind durch die Phantasie, nunmehr mit Hilfe des Alkohols die Wirklichkeit deformiert oder überhaupt verleugnet. Am deutlichsten wird der Gedankengang des Psychiaters beim Beispiel dies Spielers, den er als „ernstlich zurückgeblieben in einem besonderen Bezirk des Denkens“ bezeichnet. Der Spieler bemüht sich um die magische Allmacht, die er als Kind im Reich seiner damaligen Welt besaß, und zugleich versucht er, den Beifall der Glücksfee zu erlangen. Es ist, sagt Gladston, als ob er das personifizierte Glück ununterbrochen früge: „Liebst du mich? Hältst du mich für gut und klug?“ Und er erwartet dabei dieselbe unausgesprochene Antwort, die er als Kind immer erhalten hat, nämlich; „Nein!“ Denn auch das Kind mußte ja immer wieder seine Kinderwelt verlassen und fand die eigene Allmacht der Phantasie im praktischen Leben nicht bestätigt. Daß der alte Spieler, wenngleich er sich eine Hoffnung auf ein „Ja“ vorgaukelt, in Wahrheit auf die negative Antwort wartet, ist der Grund dafür, daß er immer solange spielt, bis er verliert.

Gladston, der offenkundig Psychoanalytiker ist, leitet den Defekt, der alle drei erwähnten Typen kennzeichnet, aus Vorgängen während der Kindheit ab, und zwar nicht so sehr aus Erziehungsfehlern, als vielmehr aus einem Mangel an bestimmten Kontakten mit den Eltern, die normalerweise das Kind rechtzeitig aus der magischen Kinderwelt in die Welt der Erwachsenen, nämlich der kausalen Realitäten, hinüberleiten. Bei seinen Versuchsreihen will Gladston fast immer an Alkoholikern, Spielern und Abergläubischen denselben Defekt festgestellt und außerdem aus der Erforschung der Kindheit der untersuchten Personen nachgewiesen haben, daß jedesmal die Voraussetzung des Kontaktmangels zwischen Kindern und Eltern gegeben war. Trotzdem wird man seine Theorie, wie psychologische Theorien überhaupt, cum grano salis zu nehmen haben. Sie ist jedenfalls nur anwendbar auf schwere Fälle, nämlich auf jene Säufer und Spieler, die sich für Alkohol und Spiel ruinieren, und auf den Abergläubischen, der zuletzt ein klinischer Fall wird. Man darf auch nicht übersehen, daß etwas von jener magischen Kinderwelt an jedem von uns hängengeblieben ist, auch an den gesündesten Typen, die im praktischen Leben keinerlei Zweifel an dem Gesetz von Ursache und Wirkung hegen, und daß die gescholtene Phantasie nicht nur die Bedingung mancher Laster, sondern auch die Quelle aller Kultur ist.

C. W. F.