Das Gespräch über die Lebensfunktion der Literatur, in Frankreich schon 1947 durch Sartres These von der litterature engagée zur schärfsten Aktualität getrieben, wird nun endlich, nach mancherlei Gerede, in Deutschland der Sache gemäß aufgenommen: Max Bense entwirft in einer kleinen, von kardinalen und erhellenden Gedanken bis zum Rand gefüllten Schrift die Umrisse einer „Literaturmetaphysik“ (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 98 S.), die Antwort auf und Gegenstück zu Jean-Paul Sartres jetzt auch deutsch (von Hans Georg Brenner) bei Rowohlt, Hamburg, vorliegenden Analyse „Was ist Literatur (278 S.) ist. Sartre ging von der Phänomenologie aus, der Betrachtungsweise, die das Wirkliche „einklammert“ und nur die Formbilder des Bewußtseins beschreibt; Bense von der Logistik, die den puren Prozeß des Denkens, absehend von seinen Gegenständen und der sie benennenden Sprache, darstellt. Das sind Gegenpole sowohl zur Dichtung, die stets dem Ganzen des Seins verbunden ist, als auch zur Philosophie, die nach eben dem Verhältnis des Denkens zum Sein fragt. Dort wissenschaftliche Theorie, die die Welt entwirklicht – hier Literatur (im weitesten Sinn), die die Welt durchsichtig macht. Der Blickpunkt liegt dort im Allgemeinen, an dem jeder in gleicher Weise teilhaben kann, hier im Subjektiven des Ich. Literatur ist also ihrem Wesen nach „existentiell“ – doch in sich wieder mit dem Unterschiede, den sowohl Sartre wie Bense dringlich hervorheben: daß Poesie „einsame Rede“ ist, während Prosa (von Sartre, dem französischen Sprachgebrauch zufolge, als litterature bezeichnet) den Angeredeten voraussetzt.

Logistik, dies Extrem der Wissenschaftlichkeit, hat der Wissenschaft Grenzen gesetzt und eine wichtige Konsequenz gezeitigt: sie hat der Philosophie wieder den Standort im andern Haus, dem Haus der Dichtung, angewiesen, den sie von Heraklit bis Platon hatte. Benses „Literaturmetaphysik“ zeigt mit noch strikteren Argumenten als Sartres berühmte Analyse, daß Metaphysik eine Gestalt der Literatur ist und nicht eine der Wissenschaft. Literatur aber ist „engagiert“, hat geistige Verbindlichkeit. cel.