Zum zweiten Male haben die Streitkräfte der Vereinten Nationen den koreanischen Rubikon erreicht. Zum zweiten Male werden im Hauptquartier des amerikanischen Cäsars die Würfel fallen. Hält man die UNO-Truppen am 38. Breitengrad zurück, kann der Korea-Krieg militärisch nicht beendet werden. Überschreiten die UNO-Truppen den 38. Breitengrad, droht statt der Beendigung des Korea-Krieges der Beginn eines dritten Weltkrieges. Die Entscheidung liegt bei Douglas MacArthur.

„Er ist der größte Mann, den ich kenne“, verkündete kürzlich der Tenne im Namen von 90 Millionen Japanern. „Ich kenne ihn sehr gut“, erklärte Dwight D. Eisenhower, der früher unter MacArthur im Pazifik Dienst tat. „Ich habe zwei Jahre lang unter ihm die Schauspielkunst studiert.“

Wie bei Franklin D. Roosevelt gibt es auch für MacArthur in der öffentlichen Meinung keinen middleground. Entweder er wird gehaßt oder angebetet. Manche halten ihn für einen Halbgott, für die bedeutendste Gestalt der Geschichte seit Prinz Eugen. Andere bezeichnen ihn als „arroganten Operettengeneral“.

Wie Churchill widersteht auch MacArthur nur selten der Versuchung zum hallenden Pathos einer anscheinend der Bibel entstammenden Sprache. Sein Stab taufte ihn daher während des Krieges den „Neffen Gottes“; seine Soldaten in den Sümpfen Südostasiens riefen Alligatoren, die den Rachen sperrangelweit aufsperrten, bei seinem Namen.

Und wie Napoleon I. liebt er die imperiale Gebärde. Sein Sinn für dramatische Affekte geht so weit, daß er die japanische Kapitulation auf dem Schlachtschiff Missouri unter dem gleichen Sternenbanner vollziehen ließ, das am Tag von Pearl Harbour über dem Weißen Haus geweht hatte.

Seit jenem Tag, dem 2. September 1945, ist Douglas MacArthur, einst Bester seines Jahrgangs in West Point und späterer Feldmarschall auf den Philippinen, unbeschränkter Herrscher des Japanischen Reiches. Supreme Commander for the Allied Powers (SCAP) wurde sein offizieller Titel. Und die Erwähnung der allied powers in diesem Titel blieb auch das einzige, was die Alliierten in bezug auf die Kontrolle seines Regimes je erreichen konnten.

Bereits ein halbes Jahr nach seinem Einzug in Tokio ließ ein Vorfall keinen Zweifel mehr an den wahren Machtverhältnissen. MacArthur hatte allgemeine Wahlen ausschreiben lassen, bei denen gleichzeitig über Japans neue Verfassung entschieden werden sollte. Die Alliierte Fernost-Kommission in Washington hielt diese Maßnahme für übereilt, unvorsichtig und dazu geeignet, den reaktionären Parteien Japans Auftrieb zu geben. In einer höflichen, in der dritten Person abgefaßten Adresse fragte sie MacArthur: „Teilt der SC AP diese Bedenken? Und wenn das so ist, hält er einen Aufschub der Wahlen für möglich?“ MacArthur antwortete auf beide Fragen mit einem einzigen Wort: „No.“