Wir alle betrachten die Entwicklung unseres staatlichen Lebens mit Skepsis und Kritik. Das eigentliche Deutschland ist zerfallen und auch Westdeutschland kommt zu keiner politischen Gestaltung, weil der Föderalismus der Länder jede vernünftige und einheitliche Regelung, auch der brennendsten Fragen, verhindert. So können die Umsiedlung der Flüchtlinge, die Verstärkung der Polizei und ein großzügiges Jugendprogramm einfach nicht durchgeführt werden, weil der engstirnige Egoismus der Länder eine vom Ganzen her sinnvolle Regelung verhindert. Keineswegs besser ist das Verhältnis der Parteien zueinander. Wer zur SPD gehört, hat ein tiefes Mißtrauen gegen den, der Mitglied bei der CDU ist und umgekehrt.

Fast scheint es, als könne man an diesem unerträglichen Zustand nichts ändern, als sei er „typisch deutsch“. Und doch gibt es in Deutschland einen Bereich, in dem all dies ganz anders ist; die EKD, die Evangelische Kirche Deutschlands.

In diesen Tagen ist die Synode der EKD, die gewissermassen das Parlament der Kirche darstellt, in Hamburg zusammengetreten. Es sind 120 Synodale, die da miteinander beraten, Vertreter aus Sachsen, Thüringen, Mecklenburg und Brandenburg tagen gemeinsam mit den Vertretern der Bundesrepublik und des Saargebiets: SPD-Parteimitglieder sitzen ohne Groll und Eifer neben CDU-Anhängern und bemühen sich, Fragen, die alle angehen, in einem vernünftigen Sinne zu lösen. So erstaunlich und fast unglaubhaft erscheint einem dieser Anblick, daß man daran erst ermessen kann, wie künstlich unsere politische Wirklichkeit ist. Und noch etwas anderes wird hieran deutlich, nämlich die integrierende Kraft der Kirche, die über den politischen Streitereien fast unbemerkt ein gemeinsames Dach gebaut hat. Heute ist die Kirche die einzige Klammer, die das Deutschland östlich und westlich der Elbe und diesseits der Saar zusammenhält.

Man könnte meinen, daß die Evangelische die aus den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte wirklich gelernt hat. – In der 400jährigen Geschichte seines Bestehens war der Protestantismus stets durch die Bindung der Kirche an den Staat, und zwar in der Form der jeweiligen Landeskirchen, so, wie sie zu Luthers Zeiten konstituiert – wurden, gehemmt. Erst im Sommer 1948 haben sich, erstmalig die 27 deutschen Landeskirchen, in Eisenach organisatorisch zu einer Einheit zusammengeschlossen, in der Lutheraner, Unierte und Reformierte ihre jahrhundertealten Divergenzen zugunsten ihrer Gemeinsamkeit hintangestellt haben.

Heute stellt der Rat die EKD die eigentliche Regierung der Evangelischen Kirche dar, und zwar unter Vorsitz des als Prediger, Mensch und Politiker gleichermaßen eindrucksvollen Bischofs Dibelius. Zum Rat gehören neben 10 hohen kirchlichen Würdenträgern auch zwei Laien: der frühere Bundesinnenminister Heinemann und der Göttinger Staatsrechtler Smend. Das föderative Organ der Kirchenvertretung ist die Kirchenkonferenz, in der die Leitungen der 27 Landeskirchen vertreten sind. Und die parlamentarische Repräsentanz des Kirchenvolkes bildet die Synode. Alle drei Organe werden entsprechend dem Bekenntnis der Landeskirchen zusammengesetzt, so. ist beispielsweise die Sowjetzone entsprechend ihren drei lutherischen und fünf unierten Landeskirchen, die 17,4 Millionen Seelen umfassen, vertreten, die Westzonen entsprechend ihren 10 lutherischen, 7 unierten und 2 reformierten Landeskirchen mit zusammen 22,4 Millionen Seelen.

Die Evangelische Kirche hat aus den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte zwei Dinge gelernt: daß nämlich in einer Zeit, in der sich alles auflöst und nichts mehr verbindlich ist, man sich zusammenschließen und die Solidarität der Christen betonen muß. Und daß es ferner darauf ankommt, die Kirche vom Staat fort und stärker in die Gemeinden hineinzutragen. Die 180 000 protestantischen Laien, die sich im vorigen Jahr auf dem Essener Kirchentag zusammenfanden, sind ein sichtbarer Beweis für das Gelingen dieser Bemühungen. Und nicht weniger deutlich wird dies in der Ostzone, wo die protestantische Kirche 18 000 sogenannte Katecheten ausgebildet und als Hilfsprediger oder Religionslehrer ordiniert hat. Es sind Laien: Handwerker, Bauern, Ärzte und Frauen aus allen Schichten, die, wie in der ersten Christenzeit, in der Gemeinde Dienst tun. Und tatsächlich gehen heute in der Ostzone 90–95 v. K. aller Volksschüler bei diesen Katecheten freiwillig zum Religionsunterricht.

Es ist gar keine Frage, daß der Schrittmacher für die neue Entwicklung in der protestantischen Kirche die Bekenntniskirche gewesen ist, die während der Hitler-Zeit aus dem Konflikt zwischen Gewissen und Obrigkeit entstanden ist. Sie ist heute keine Kirche im organisatorischen Sinne mehr, sondern das, was sie auch ursprünglich war, eine geistige Bewegung, die als erste die staatsrechtlichen Bindungen durchbrach und die auch heute noch einzelne Pfarrer aus allen Landeskirchen zusammenfaßt zu gemeinsamer kirchlicher und theologischer Arbeit. Die Leitung der Bekenntniskirche hat der Reichsbruderrat, dessen Vorsitzender Martin Niemöller ist. Wenn die Bekenntniskirche und ihre mutigen Leiter im Kampf gegen den totalen Staat auch zu einer Avantgarde der christlichen Kirche geworden waren, so sind sie in gewisser Weise gerade darum heute der Gefahr ausgesetzt, ihre Aufgabe auch weiterhin im politischen Kampf zu sehen. Und hier nun ist der Punkt, von den Bischof Dibelius in seinem Rechenschaftsbericht mit besonderer Sorge sprach. Er sagte, daß niemand der Kirche die Verantwortung für die Lebensfragen des deutschen Volkes abnehmen könne, daß aber auch nicht der Eindruck entstehen dürfe, als wollte oder könnte die Kirche den berufenen Führern des Staates ihre Verantwortung abnehmen. „Wir haben uns während dieser Jahre nicht gescheut, in das öffentliche Leben unseres Volkes hinein zu sagen, was wir in Namen Christi glaubten, sagen zu müssen. Wir sind aber dabei jetzt offenbar an eine Grenze gestoßen.“