Marcel Aymé ist in den letzten fünf Jahren, ohne viel Aufhebens eigentlich, in die erste Reihe der zeitgenössischen Größen der französischen Literatur gerückt. Er gehört mit Jean Cocteau zu den typischen Vertretern des „Esprit français“ und seinen gallischen Witz könnte man fast klassisch nennen. In Deutschland wurde er erst kürzlich bekannt durch seinen bei Rowohlt erschienenen Roman „Der Mann, der durch die Mauer ging“. Die nachfolgende Erzählung ist seiner neuesten, bei Gallimard verlegten Novellensammlung „En arrière“ entnommen, die bald auch in deutscher Übersetzung bei Rowohlt erscheinen wird.

Nach dem Frühstück schlug der Marquis von Valoraine einen Spaziergang durch den Park vor. Monseigneur d’Orviel, der das Zipperlein hatte, eröffnete, auf den Arm der Marquise gestützt, die Gruppe. Die Marquise war eine Frau von dreißig Jahren; sie besaß eine kleine Gestalt, hatte ein zerbrechliches Aussehen und in ihren Augen brannte zuweilen ein melancholisches Feuer. Hinter den beiden folgten im Gleichschritt der Marquis von Valoraine und sein Schwiegervater, der Baron von Cappadoce, die sich angeregt über ein Problem der Steuergesetzgebung unterhielten. Sie waren gleichaltrig; der Schwiegervater klein, vertrocknet, monokelbewehrt, der Schwiegersohn massiv, dickbäuchig und heiter.

Ernestine Godin, das Patenkind des Prälaten, bewegte sich meist zwischen den Gruppen der Spaziergänger, die ihr beide gleich langweilig erschienen. Sie dachte an eine Nummer der Zeitschrift „Filmtraum“, die heimlich unter den Insassinnen des Töchterpensionats zur „Heiligen Therese“ kursierte und sann bekümmert darüber nach, warum sie so wenig Ähnlichkeit mit Michele Morgan besaß.

Als sie gerade die Gruppe Monseigneurs erreicht hatte, blieb sie stehen. Ihre Brust hob sich und sie stieß einen Schrei aus. Zwischen den Zweigen eines Haselnußstrauches hatten ihre Augen den nackten Oberkörper eines Mannes entdeckt, der auf dem Kopf einen Strohhut trug. Es war ein schöner Jüngling, im Alter von siebzehn bis achtzehn Jahren wie es schien, mit einem feinen, schüchternen Gesichtsausdruck.

„Was gibt es denn?“ fragte der Baron von Cappadoce, der gerade über die Soutane des Prälaten gestolpert war. „Nichts von Interesse“, sagte dieser. „Kehren wir ins Schloß zurück.“

Monseigneur machte in der Tat eine Kehrtbewegung, aber da er Mühe damit hatte, gelang sie ihm nur halb. Inzwischen zeigte sich der junge Mann mit dem Strohhut, nachdem er die Zweige des Haselnußstrauches zurückgestreift hatte, in seiner vollkommenen Blöße. Ernestine stieß entsetzt einen zweiten Schrei aus und mit ihr Monseigneur und der Baron. Der Oberkörper des jungen Mannes, ruhte nämlich nicht, wie man erwarten konnte, auf menschlichen Beinen; er ging vielmehr in einen Pferdeleib über, in den Leib eines Apfelschimmels, von robustem und fast ländlichem Aussehen.

„Vade retro Satanas!“ sagte der Prälat mit lauter Stimme und machte das Zeichen des Kreuzes. Aber der junge Zentaur schien in seinem Wesen nichts Teuflisches zu haben, denn anstatt in einer Rauchwolke zu verschwinden, lüftete er seinen Strohhut, drehte ihn verlegen in seinen Händen und schlug die Augen nieder. Er war bartlos, hatte blondes, welliges Haar und ein reizendes Gesicht, das Ernestine Godin mit wachsendem Interesse betrachtete.