IV. Ruinen, Sand und Legionäre

Von J.v. Kürenberg

Mit der Schilderung eines Besuches des Autors in der Sahara, den er in unserem Auftrag unternahm, Schließen wir heute den Bericht Joachim von Kürenbergs.

Neben dem Industriestädtchen La Goulette erheben sich die steilen Hügel von Karthago, die Ruinen des sagenhaften Reiches der Königin Dido. Wenn sie wirklich die Stadt gegründet hat, so muß sie eine recht länderkundige Frau gewesen sein, denn die Lage Karthagos war ideal, weithin das Küstengebiet und das Meer beherrschend. Wenn es nicht die Königin Dido war, die diese Stadtgründung vornahm, so waren es die Phönizier, die nachweislich sich zuerst hier insiedelten. Von Karthago aus unternahmen sie ihre Beutezüge nach den Inseln Sardinien und Korsika, die sie unterjochten. Und wie es dann weiterging, weiß man ja noch aus der Schule: Es kam Hamilkar, es kam Hannibal, es kam die Schlacht von Kannä und dann kam Schutt, Schutt und Staub.

Wer heute nach Karthago kommt, wird enttäuscht vor dem weiten Trümmerfeld stehen. Ausgrabungen wie in Pompeji können nicht zum Vergleich herangezogen werden; hier in Karthago fehlte die erhaltende Lava. Zu sehen sind noch Teile und Reste der römischen Wasserleitung, einige verfallene Zisternen, die tief in die Erde gesunkene Anlage eines Amphitheaters, Fragmente der Stadtmauer mit einem eingebauten Stall, der für dreihundert Elefanten bestimmt gewesen sein soll, und Reste der Hafenmauer. Lohnend ist der Besuch des Musée Lavigerie, in dem die Ausgrabungen des gelehrten Paters Delattre ausgestellt sind. Vor allem sind die wenigen vorhandenen Zeugen aus der Glanzzeit Karthagos interessant, goldene Stirnreifen, eingelegte Schwerter und Frauenschmuck, die daran erinnern, wie reich einst diese Stadt gewesen ist.

Am Rande der heute trostlosen Öde erhebt sich eine zweitürmige Kathedrale, deren gelbbraune Fassade weit hinein ins Land leuchtet. Der Pater, der mich führt, zeigt mir den Hochaltar mit dem Reliquienschrein Ludwigs des Heiligen, einer genauen Nachbildung der Sainte Chapelle in Paris en miniature. Von der Treppe dieser Kathedrale genießt man einen weiten Blick auf Tunis und das umliegende Bergland. Dort liegt die Stadt mit ihren Händlern und fanatischen Studenten. Und der Pater meint traurig, daß das Land dasselbe geblieben sei, niemals aber werde der Geist Karthagos hier erwachen.

Geheimnisvolles Gras