Paris, im April

Als der Krieg in Frankreich 1945 allmählich erlosch, glaubte man, wenn auch nicht an den „Ewigen Frieden“, so doch an eine lange Periode der Ruhe. Seit Generationen hatte man sich daran gewöhnt, Deutschland als die allein mögliche Ursache eines Krieges zu betrachten. Dieses Deutschland war ein Trümmerfeld, es stand unter alliierter Besetzung, die beliebig verlängert werden konnte. Vereinzelte Warnungen vor der Sowjetunion schob man ruhig zur Seite. Der Franzose konnte sich in der angenehmen Vorstellung wiegen, das Soldatentum sei für die neuangebrochene Zeit überflüssig geworden.

Die Aufhebung der Dienstpflicht, Folge der deutschen Okkupation, wurde daher auch von der Vierten Republik zunächst freiwillig beibehalten. Erst 1946 führte Frankreich die Dienstpflicht wieder ein. Das neue Gesetz war aber recht zaghaft. Die Dienstzeit wurde auf ein Jahr beschränkt, die Gründe, die Anspruch auf Enthebung gaben, waren so zahlreich, daß der Berichterstatter der Nationalversammlung errechnen konnte, von 387 000 Stellungspflichtigen des Jahrgangs 1950 würden wegen körperlicher Nichteignung oder aus einem der vielen gesetzlichen Gründe für zeitweise oder völlige Zurückstellung 226 000 Mann ausscheiden. So wird der Alarmruf eines hohen Militärs verständlich, der in Le Monde vom 13. Februar 1950 warnte: „Die französische Armee ist todkrank, sie bedarf sofortiger Hilfe.“

Bis zum Korea-Konflikt wurde die Rüstungspolitik der Nachkriegsjahre in Frankreich wie in allen Weststaaten von dem Gedanken des Potentials beherrscht. Bei der raschen Entwicklung des technischen Fortschrittes sei es sinnlos, so argumentierte man, Kriegsgerät in Serien herzustellen, das im Augenblick seiner Verwendung ja doch veraltet sein müßte. Worauf es allein ankäme, sei die beständige Vervollkommnung von Prototypen und die Steigerung der industriellen Leistungsfähigkeit, um die letzten Modelle im gegebenen Augenblick mit einem Höchstmaß an Geschwindigkeit, Zahl und Vollendung herauszubringen. Dieser Politik des Potentials für das Kriegsgerät entsprach eine Politik der Kader für die Armee. Es erschien überflüssig, bedeutende Effektivbestände unter Waffen zu halten, es komme lediglich darauf an, eine ausreichende Anzahl tüchtiger Offiziere und Unteroffiziere bereit zu haben, um im Augenblick des Bedarfes den einzuziehenden Mannschaften eine angemessene Ausbildung zu geben.

Angesichts der Ereignisse in Korea jedoch sah sich Frankreich gezwungen, das System zu wechseln. Noch im Juli 1950 wurde ein schon vorliegendes Fünfjahresprogramm zum Bau einer modernen Luftflotte beschlossen, 2100 Maschinen für das Luftheer, 660 für die Marine. Im Oktober wurde ein erstes großes Rüstungsprogramm verabschiedet. Das Heer zählte bis dahin unter 680 000 Einheiten 35 000 Offiziere und 125 000 Unteroffiziere, es war ein Kaderheer. 300 000 Mann standen in Übersee. Nach dem neuen Programm sollen die Bestände bis 1. Juli 1951 auf 750 000, bis 1953 auf 900 000 Mann gebracht werden. Frankreich wird an Stelle der bisherigen fünf Divisionen in Europa 1951 zehn (fünf davon in Deutschland), 1952 fünfzehn, 1953 zwanzig haben. Drei von den ersten zehn Divisionen sollen gepanzert sein. Ausdehnung der Dienstpflicht von 12 auf 18 Monate und Aufhebung der bisherigen Befreiungen reichen bis 1952 für die Erhöhung der Bestände aus. 1953 wird eine Erweiterung der Militärpflicht in Nordafrika notwendig werden. – Von den zehn Divisionen für 1951 müssen neun mit amerikanischem Material ausgerüstet werden. Frankreich bemüht sich jedoch, in seiner Rüstung möglichst autonom zu werden. Aus Mitteilungen des Heeresministers vor der Nationalversammlung vernimmt man, daß das neue französische Material an gewissen Panzerwagen und Artillerie nach Ansicht von Fachleuten dem aller anderen Staaten überlegen ist. Der geländegängige Jeep Delahaye übertrifft das amerikanische Vorbild an Geschwindigkeit und Stabilität, der 13-t-Panzerjäger (Schneider) erreicht mit einer Durchschlagskraft von 145 mm Panzerung auf 2 km eine Leistungsfähigkeit, die bisher nur doppelt so schwere Panzer aufwiesen. Der 50-t-Panzer, der Abhänge bis 65° Neigung überwindet, gilt den besten Modellen anderer Staaten mindestens als ebenbürtig. Die 6-kg-Panzerfaust, die auf 300 bis 400 m 280 mm Panzerung durchschlägt, ist der amerikanischen Bazooka weit überlegen. Die französische Kriegsindustrie erzeigt Antitankminen, die bisher jeder Entdeckung widerstehen ... Gleich den Vereinigten Staaten und Großbritannien wird Frankreich den Schutz des Landes nicht mehr Prototypen, sondern Waffen, nicht mehr Kadern, sondern Soldaten anvertrauen.