Kurz vor Abschluß seiner auf ein Jahr begrenzten Untersuchungen hat der Senatsausschuß zur Überprüfung des organisierten Verbrechertums in den USA noch eine ganze Sturmflut von Skandalen vor die Öffentlichkeit gebracht. Betroffen war in erster Linie New York, seine Stadtverwaltung und ganz besonders der frühere New Yorker Bürgermeister und jetzige Botschafter in Mexiko, O’Dwyer. Hatte der Ausschuß in den ersten elf Monaten seiner Tätigkeit außer den Gamblern, den illegalen Buchmachern und Spielhöllenbesitzern, vor allem kleine Polizeibeamte und Sheriffs bloßgestellt, so wuchsen zum Schluß die Korruptionsaffären derart ins Uferlose, daß der Senat die Untersuchung zunächst um 30 Tage verlängerte, sie aber wahrscheinlich auf ein weiteres Jahr ausdehnen wird. Die Demokratische Partei, die schon deshalb am meisten kompromittiert ist, weil sie fast alle großen Städte beherrscht, ist hierüber nicht sonderlich begeistert. Die Öffentlichkeit aber ist durch die Übertragungen der Verhöre mittels Funk, Film und Fernsehapparaten so sehr aufgeputscht, daß die wenigsten Senatoren es wagen werden, dem vom demokratischen Senator Kefauer geleiteten „Crime-Committee“ die Verlängerung um ein Jahr zu versagen. Davor zittern zahlreiche Gangster und Gambler, die von dem Komitee hart angefaßt worden sind, davor zittern aber auch zahlreiche schuldige und unschuldige Beamte und Politiker. Senator Kefauer ist daher, wie die New York Times schreibt, bei seinen eigenen Parteifreunden im Augenblick „so populär wie ein Stinktier auf. einer Garden-Party“.

Die Hauptpersonen in den dramatischen Verhören der letzten vierzehn Tage waren neben O’Dwyer dessen alter Freund und Mitarbeiter Moran, der Direktor der New Yorker Wasserversorgung, und der Funktionär der Feuerwehrgewerkschaft, Crane. Crane erklärte vor dem Kefauer-Ausschuß, er habe O’Dwyer vor der Wahl im Oktober 1949 10 000 Dollar gegeben, um ihn zu einer günstigen Haltung in den Angelegenheiten der Feuerwehrleute zu bewegen. Ebenso habe er Moran von 1946 bis 1949 55 000 Dollar aus demselben Grund ausgezahlt. Diese unter Eid abgegebenen Erklärungen standen in krassem Widerspruch zu den beschworenen Aussagen, die O’Dwyer und Moran zuvor gemacht hatten, so daß es offensichtlich zu einem Meineidsprozeß entweder gegen Crane oder gegen O’Dwyer und Moran kommen muß. O’Dwyer und Moran bestritten die Behauptungen Cranes energisch, Moran wurde sofort vom New Yorker Bürgermeister Impelleteri zum Rücktritt gezwungen. O’Dwyer seinerseits mußte zugeben, daß er durch Morans Vermittlung Beziehungen zu dem Hauptgangster Costello hatte, den der Ausschuß seither als den eigentlichen Chef der amerikanischen Unterwelt entlarvt hat. O’Dwyer wurde durch Zeugenaussagen überdies ziemlich unverblümt vorgeworfen, er habe, ehe er Bürgermeister wurde, als Staatsanwalt die kleinen Gangster zwar energisch verfolgt, dagegen die großen laufen lassen. O’Dwyer habe Anfang der vierziger Jahre ein Dutzend Mitglieder der sogenannten Murder Inc. (so nannte man damals eine bestimmte Gangsterbande, die eine Art Strafjustiz unter den Gangstern selbst organisiert hatte), auf den elektrischen Stuhl geschickt, einen aber, obwohl hinreichend Belastungsmaterial vorhanden war, ohne Anklageerhebung freigelassen, nachdem der Hauptbelastungszeuge, Abe Reles, durch einen zweifelhaften Selbstmord ums Leben gekommen war.

Costello seinerseits erklärte freimütig, er kenne wenigstens ein Dutzend der Führer von Tammany-Hall – einer New Yorker demokratischen Parteiorganisation –, mit denen er teils bekannt, teils eng befreundet sei. Er habe gelegentlich ein bißchen Protektion für einen Jobsucher ausgeübt oder auch einen Ratschlag gegeben.

Ein New Yorker Richter, Samuel Leibewitz, bezeugte vor dem Ausschuß, daß die New Yorker Polizisten jährlich 20 bis 25 Millionen Dollar (100 Millionen DM) an Bestechungsgeldern von Gangstern und Gamblern empfangen.

Die Aufregung der Bevölkerung, die mit Hilfe des Funks an all diesen Enthüllungen teilnahm, war so groß, daß beispielsweise der Filmschauspieler Dunn gar nicht bemerkte, daß, während er gebannt am Fernsehapparat saß, über ihm ein Teil seines Hauses abbrannte! F.