Am der Vielfalt der gewerblichen Betätigungen in Hannover die für das Gesicht seiner Wirtschaft typischen herauszugreifen – und so und nicht in einem Nachweis einer „Autarkie“ ist die in der Überschrift gestellte Aufgabe zu meistern – fällt nicht leicht. Ein kürzlich im Hause des Industrie-Vereins gezeigtes Gemälde versucht am Gegenstand des Misburger Produktionsgebietes die aus der Landschaft erwachsende Industrie, Zement und Erdölraffinerie, in ihrer Eingefügtheit in die Landschaft darzustellen. Im gleichen Sinne könnte ein Teil unserer Lindener Produktionsbetriebe aufgeführt werden. Dort bietet ein reiches Hinterland im Westen der Stadt Bodenschätze wie Kali, Salz, Schwefel, Asphalt, Kalksteine, Ton sowie die Deisterkohle und das fruchtbare Land Calenberg zwischen Deister und Leine Kornfrucht und Rüben zur Verarbeitung oder Veredlung an.

Als zweiter Wesenszug unserer Wirtschaft ist die Verkehrslage zu erwähnen: die Kreuzung traditioneller und moderner Kontinentalstraßen und die relative Hafennähe zu den mit Hannover eng verbundenen Seehandelsplätzen Hamburg und Bremen. Die Kautschuk-Verarbeitung, die Wollwäscherei mit den dazugehörenden Betrieben der Anschlußproduktion und ihrer Maschinenlieferanten sind der heutige Ausdruck der Seehafennähe. Die Lebensmittelindustrie, soweit auf Getreide-, Mais- und Kakao-Einfuhr beruhend, ist hier ebenso zu nennen wie die Fisch-, Feinkost- sowie Fleischwarenbetriebe.

So ist es die Eigenheit der Landschaft mit ihren Verkehrsstraßen und ihren Bodenschätzen, die auch in Hannover das Gesicht der gewerblichen Wirtschaft bestimmt. Es kommt aber noch eine Linie – fast eine „Runzel“ – hinzu: das ist – Stütze und Bremse des Wirtschaftsfortganges zugleich – das hauptstädtische Element; einst Residenz und Hofstaat, heute Parlament und Verwaltungsapparat. Es lassen sich ohne weiteres Parallelen zur heutigen Notlage der Wirtschaft in bezug auf Besatzungskosten, politische Belastungen und Währungseingriffe zum Wirtschaftsleben Hannovers bis zum 18. Jahrhundert ziehen.

Dieses Leben vom Bedarf überwiegend konsumtiver Gruppen, die Existenz auf der Grundlage einer vorhandenen Apparatur statt vom Gewerbefleiß, hat Hannover, einstige Hansestadt, für Jahrhunderte jenes progressive Moment gekostet, das in Kaufmanns- und Unternehmertum vorhanden ist. Auch in der Gegenwart ist diese Haltung des Herankommenlassens des Käufers – statt ihn zu umwerben – in Hannover noch hier und da spürbar. Auswärtige nennen es oft „Sturheit“; Handelsvertreter kennen das etwas kühle hannoversche Gesprächsklima, wenn sie von der Kulanz Bremens oder von der Vitalität des Bielefeld-Ravensberger Bezirks nach hier kommen. Auch der Messefremde stellt vielleicht Vergleiche an – sei es auch nur in bezug auf die Laden Verkaufszeiten. Es ist etwas von jenem alten residenziellen Sicherheitsgefühl: es wird uns ja alles von Haus gefahren, das seit 300 Jahren das Wirtschaftsleben Hannovers immer noch ein wenig bestimmt. Die fast unvergleichliche Verkehrslage rechtfertigt ja selbst heute die hannoversche Redensart. Und auch die neue Landeshauptstadtrolle und das freilich nicht hypothekenfreie Geschenk der Messe („erwirb es, um es zu besitzen“) könnte dazu verführen, sich weiter als Nutznießer einer Residenz zu fühlen...

*

Im Jahre 1786 nahm sich die Königliche Regierung der durch Kriegsfolgen drangsalierten hannoverschen Wirtschaft an. Ein „Commerz-Collegium“ (als Vorgänger der Handelskammer) wurde errichtet, und dessen „Cammermeister“ Patje legte in einer Denkschrift die Hemmnisse eines Wirtschaftsaufschwunges offen.

Wenn es auch abwegig wäre, auf eine inzwischen aus allen deutschen Landschaften ergänzte Geschäftswelt die damals gemachten Feststellungen anzuwenden, so sollte eine Gefahr jedenfalls schrecken, die in Geschichte und Gegenwart im hiesigen Wirtschaftsleben immer wieder auftritt: das mangelnde Berufs- und Sendungsbewußtsein der hannoverschen Unternehmerschaft! Es fehlt nicht nur weiten Kreisen der rund 20 000 Kaufmannsbetriebe das gesunde und im Handwerk selbstverständliche Standesgefühl, sondern auch dessen Manifestation.