Wir haben uns diejenigen gemerkt, die Beifall geklatscht haben“, rief ein Mann in der Pause eines Theaterstückes aus, das über die Bretter der Celler Schloßtheaterbühne ging. Das Stück war Zuckmayers „Gesang im Feuerofen“, der Schreier aber einer jener Zeitgenossen, die den Krieg immer noch gewinnen wollen. Die Drohung des Mannes ist um so erstaunlicher, als in diesem Kriegsschauspiel Freund und Feind durch dieselben Darsteller verkörpert werden. Eine Tatsache also, die schon von vornherein alle Konflikte aus der Atmosphäre des Persönlichen heraushebt. „Wir haben sie uns gemerkt“, hatte aber der ehrbeflissene Beobachter gesagt und ließ keinen Zweifel daran, daß er mit seiner Ansicht nicht allein steht. Er und seine Genossen werden durch die „Cellesche Zeitung“ unterstützt, die ein rechter Volksbeobachter sein möchte.

Auch das Kriegerdenkmal vor dem Theater mußte herhalten. Es bekam eines Nachts einen schwarzen Sack übergestülpt, dessen Bedeutung sich zunächst niemand erklären konnte. Schließlich stellte sich heraus, daß das Denkmal schamverhüllt war. Daß die Schaufenster, hinter denen die Bühnenbilder und das Textbuch des Zuckmayer-Stückes ausgestellt waren, mit schwarzer Farbe beschmiert wurden, sei nur nebenbei vermerkt. Aber ein Weiteres geschah in der Heide: In Lüneburg mußte der Bundestagspräsident Dr. Ehlers nach einer Wahlversammlung der Niederdeutschen Union, in der sich hierzulande CDU und Deutsche Partei zusammengeschlossen haben, mit Polizeischutz aus dem Saal geleitet werden. Ein Diskussionsredner der Bruderschaft hatte die Bundesflagge als „Fahne des Zusammenbruches und des Kriechens vor dem Ausland“ bezeichnet. Als Dr. Ehlers dagegen protestierte, wurde er überschrien. Ein anderer Sprecher schimpfte weiter, und vom Vorstandstisch kam das Wort „Lausejunge“ zurück. Dr. Ehlers lehnte es ab, diesen Titel zurückzunehmen. Dafür hinderte man ihn am Schluß der Veranstaltung, den Versammlungsraum zu verlassen. Den Polizeischutz für Ehlers wiederum empfanden die zwiegesichtigen Bruderschaftler und ihre Genossen von der Sozialistischen Reichspartei als Feigheit, und prompt kam ihr Zuruf: „So etwas will ein Offizier sein!“... Alles in allem: Man wird den Verdacht nicht los, daß die Aktion dieser Leute gerade in diesem Ländchen mit ganz bestimmten Ambitionen verbunden ist.

Vor kurzem waren in einer anderen norddeutschen Stadt einige junge Männer nach der Premiere des „Feuerofens“ an den anwesenden Dichter herangetreten, um ihm dankbar die Hand zu schütteln. Zuckmayer saß mit seiner Mutter, die zu den Verfolgten des Naziregimes gehörte, im Theaterrestaurant. Als die Männer gegangen waren, erzählte der Wirt, daß jene Besucher seinerzeit die größten Nazis gewesen seien. Die Mutter des Dichters meinte darauf in ihrem hessischen Dialekt: „Das hawwe die junges sicher längst widder vergesse, un ich auch“...

D. B.