Dem deutschen Film sollte mit einem Stoff nach Alfred Neumanns Novelle „Viele heißen Kain“ aufgeholfen werden. Es sollte ein gewichtiger, ein problemschwerer, kurz, ein – deutscher Film zuverlässiger Qualität werden. Im Berliner Marmorhaus, wo er jetzt unter dem Titel „Das Haus des Schweigens“ uraufgeführt wurde, dankten die Berliner dem Hauptdarsteller Ernst Deutsch und seinem Gegenspieler Walter Frank respektvoll. Doch die Verfilmung von Neumanns Sujet, vom Mord aus Bruderliebe, ist nicht – wieder einmal nicht – die erhoffte Durchbruchstat des deutschen Films geworden. Jeder Mensch ist nicht nur schlecht – und jeder Mensch ist nicht nur gut: dies möchte Alfred Neumann als Motto über seine Fabel von dem „Haus des Schweigens“ schreiben. In diesem Haus herrscht zuerst ein ausbeuterisch-quälender Anwalt einer Bank, der seine Frau ungeliebt verkümmern läßt und den verschuldeten Bruder Paul bis auf Blut peinigt. Später herrscht in diesem Haus der andere Bruder, Abel, der den Verschuldeten in letzter Minute aus der Qual des Peinigers mit einem Scheck erlöst, zugleich das Herz der verkümmernden schönen Frau erobert hat. Der erlöste Bruder Paul dankt dem noblen Bruder Abel seine Tat, indem er den Peiniger eines Nachts aus dem Zuge stürzt und so das Haus des Schweigens frei macht für die Liebe der Frau zum Bruder Abel. Die Selbstsühne dieses Mordes durch den Bruder Paul geschieht zehn Jahre später durch einen melodramatischen Freitod an der gleichen Stelle. Das Kainsmal der Schuld, das der an der Seite der geliebten Frau zurückbleibende Bruder Abel trägt, will der Film dadurch löschen, daß er den inzwischen herangewachsenen Sohn des Peinigers zu der Erkenntnis zwingt, daß die Mutter in dem bislang so mißtrauisch verfolgten Stiefvater einen wirklich guten Menschen an ihrer Seite habe.

Schon allein das Handlungsgerüst, im Kostüm der Jahrhundertwende dargeboten, verlangt vom heutigen Zuschauer viele Zugeständnisse moralischer und psychologischer Art. Hans Hinrich, der Regisseur, hüllt dazu alles, was geschieht und zu geschehen droht, in eine so langspulige Düsternis, daß nirgendwo das Licht des Tages oder einer modernen Erkenntnis hereindringt. Ernst Deutsch, der den guten Bruder Abel spielt, wurde so streckenweise in eine maskenhafte Starre gezwungen. Es ist darum schon besonders wohltuend und gut, ihn, Walter Frank und Françoise Rosay brillant sprechen zu hören.

k. w