Von Heinrich Langemann

Als der „Eiserne Vorhang“ das sowjetisch besetzte Gebiet vom übrigen Deutschland immer hermetischer abzuschließen begann, wurde klar, daß Leipzig seine Funktion als zentraler internationaler Messeplatz nicht mehr zu erfüllen vermochte. Es mußte daher in den westlichen Gebieten nach einem Ersatz gesucht werden, um der hier schaffenden Industrie Möglichkeiten zur Verbindung mit ihren alten Absatzmärkten zu geben. Voraussetzungen dazu waren in Hannover deshalb erfüllt, weil hier ein früher industriell genutztes Gelände mit einigen größeren Hallen zur Verfügung stand. Die hannoversche Stadtverwaltung und die niedersächsische Staatsregierung schufen dann in kurzer Zeit die Grundlagen für ein neues Messeunternehmen, das einen nicht vorauszusehenden Aufschwung nahm.

Unter der Bezeichnung „Export-Messe“ wurden 1947 über 30 000 am überdachte Fläche und 8000 qm Freigelände bereitgestellt zu einem ersten Versuch, der so günstig ausfiel, daß die Export-Messe 1948 fast 59 000 qm überdachte Fläche und ein Freigelände von 11 000 qm benutzen konnte. Dieser gute Anfang veranlaßte die westdeutsche Industrie, Hannover zu ihrem zentralen Messeplatz zu erklären, an dem nun alljährlich als „Deutsche Industrie-Messe“ das große Schaufenster aufgebaut wird, das unserer Industrie den Anschluß an den Weltmarkt gesichert und ihr neue internationale Absatzmärkte erschlossen hat. Der Aufschwung, den die westdeutsche Wirtschaft seit der Währungsreform und mit Hilfe des Marshall-Planes nahm, ließ die Zahl der Aussteller so anschwellen, daß die Deutsche Industrie-Messe seit 1949 geteilt als Mustermesse und Technische. Messe durchgeführt werden mußte. 1949 verfügte sie über eine überdachte Fläche von 36 000 qm für die Mustermesse und von 49 000 qm für die Technische Messe sowie über ein Freigelände von 16 000 qm. 1950 ging die Entwicklung weiter: Während die Mustermesse noch mit einer Fläche von 38 000 qm auskam, erforderte die Technische Messe bereits 75 000 qm.

Hannover war dann 1950 besonders wirkungsvoll, denn überall in der Welt beachtete man insbesondere die auf der Technischen Messe gezeigten Leistungen der deutschen Industrie und war sich einig in der Bewunderung dieses gewaltigen deutschen Schaffens, das trotz aller Erschwernisse der Kriegs- und Nachkriegszeit hatte erreicht werden können. Mit dieser Messe hat der Messeplatz Hannover seine Notwendigkeit für die Bundesrepublik bewiesen und sich endgültig seinen Platz in der vordersten Reihe aller großen internationalen Messen gesichert. Das wurde während der Messe von prominenten Gästen aus dem In- und Auslande und anschließend von in- und ausländischen Fachkreisen immer wieder unterstrichen. Aber auch die Besucherzahlen bewiesen es eindeutig. Während die Messen von 1947 und 1948 je 4000 und die Messe von 1949 rund 7000 ausländische Besucher registrierten, schnellte diese Zahl 1950 auf 31 500 herauf und die Zahl der inländischen Besucher erhöhte sich auf rund 800 000. Entsprechend war von Jahr zu Jahr auch die Zahl der Aussteller gestiegen, nämlich von 1947 mit 1298 auf 3182 im letzten Jahr. Daß diese Entwicklung der Deutschen Industrie-Messe noch in stetem Steigen begriffen ist, zeigen die Anmeldungen für 1951 und die durch sie bedingte Notwendigkeit der Schaffung weiteren überdachten Hallenraumes. Der Deutschen Industrie-Messe 1951 kann eine überdachte Fläche von 144 000 qm für die Technische Messe vom 29. April bis 8. Mai zur Verfügung gestellt werden. Hinzu kommt ein Freigelände von 40 000 qm.

Der steile flächenmäßige Anstieg – insbesondere der Technischen Messe in Hannover, und daraus resultierend, ihre wirtschaftliche Bedeutung als deutscher und internationaler Markt – rührt daher, daß die Produktionsmittel und Investitionsgüter herstellende deutsche Industrie sich ganz auf diese Messe konzentriert, um hier geschlossen. und repräsentativ mit ihrem weitgespannten Angebot zu erscheinen. Der Schwermaschinenbau nimmt auf der Technischen Messe allein 46 v. H. der zur Verfügung stehenden Fläche ein. Daran sind der Werkzeugmaschinenbau auf etwa 10 500 qm, die Holzbearbeitungsmaschinen auf etwa 4300 qm vertreten. Die 650 Aussteller der Elektroindustrie werden auf insgesamt 28 800 qm ausstellen und damit 20 v. H. der verfügbaren überdachten Fläche belegen. Alle Branchen werden mit einer Fülle technisch interessanter Neuerungen aufwarten, denn seit Wiederbestehen des Patentschutzes ist die Entwicklungsarbeit sehr intensiv geworden. Da die Deutsche Industrie-Messe auch mit Beteiligung ausländischer Aussteller durchgeführt wird, ist hier für den Einkäufer aus dem In- und Auslande eine unmittelbare und lohnende Vergleichsmöglichkeit zwischen der deutschen und ausländischen Produktion gegeben.

Eine direkte Autostraße zum Messegelände und eine Straßenbahnlinie bis vor die Tore des Messegeländes erfüllen auch hinsichtlich des Verkehrs alle Voraussetzungen eines internationalen Messeplatzes. Hannover kann stolz darauf sein, durch die Entwicklung der Deutschen Industrie-Messe alljährlich in den Mittelpunkt eines Geschehens gerückt zu sein, das den Namen dieser Stadt in aller Welt bekanntgemacht hat, zumal der Wiederaufbau der im Kriege schwer zerstörten Stadt durch die Messe einen starken Auftrieb erfahren konnte.