Aus der Fülle französischer Jeanne d AreDramen ist das Schauspiel "Johanna, mit von der französischen Kritik als eines der gelungensten gelobt worden. Neun Jahre nach der Uraufführung hat es endlich den Weg auch nach Deutschland, in das Theater der Stadt BadenBaden gefunden. Doch heute wie damals scheint es politisch gleich problematisch und mißverständlich zu sein.

Was seinerzeit mit Rücksicht auf die Zensur antibritisch getarnt wurde, aber gegen die deutsche Besatzungsmacht gerichtet gemeint war, wirkt auch heute noch als Kampfansage gegen alle fremden Truppen im Land und hat durch die Beibehaltung der modernen britischen Armeeuniform eine eindeutige Spitze bekommen. Mit politisch heiklen Themen hat Intendant Hannes Tannen (seit "Als der Krieg zu Ende war" und "Der Mond ging unter") ja schon etliche Erfahrang. Auch dieses Mal sehe er vor bewußten Schockwirkungen nicht zurück. Allein mit ganz überraschend sicherer Regiehand versteht er, das auf- aktueller politischer Ebene geweckte Interesse auf der aligemein dialektischen fruchtbar werden zu lassen, Grundsätzlich Neues bringt Vermorel eigentlich nicht in den bekannten Prozeßverlauf hinein — außer, daß er Johanna von den englisch Wachsoldaten vergewaltigt werden läßt. Doch kommt damit zugleich ein gedanklicher und dramatischer Bruch in die Sache: Hatte Johanna zuvor das Unbedingte gefordert und wollte ihr Leben hingeben für den Aufbruch des Volkes, so sucht sie nun den Tod, um durch ihn die erlittene Schmach von ihrem Körper abzuwaschen. Auch das hatte einmal in der politischen Situation Frankreichs von. 1942 seine allegorische Bedeutung doch bedurfte es jetzt der ganzen schauspielerischen Intensität von Lucy Valenta als Jeanne, um es auch heute menschlich verständlich werden zu lassen. U. S. E, n seinem Drama "Der Blinde" hat sich der junge Schweizer Dichter Dürrenmatt als guter Kenner der dramatischen Literatur von Shakespeare bis Claudel legitimiert. Doch dies nur nebenbei — Man muß sein jetzt im Stadttheater Münster herausgekommenes Schauspiel ganz von der Idee her sehen, die sich über alle dramaturgischen Bedenken hinweg vorträgt. Sie will den Anspruch des Glaubens gegenüber den nihilistischen Einflüssen sichern, will das Unzerstörbare in einer Welt der Zerstörung formulieren. Ein blinder Herzog, ein Greis mild zufriedenen Gemütes, dem die zerstörte äußere Wirklichkeit verborgen bleibt, wird Mittelpunkt eines infernalischen Spiels, das der italienische Abenteurer Da Ponte inszeniert. Der Dreißigjährige Krieg ist der historische Hintergrund der perfiden Gaukelei, die dem Blinden- die Unbedingtheit des Glaubens nehmen soll. Der Blinde in seiner unbeirrbaren Gläubigkeit and Da Ponte, der Nihilist "der heruntergekommene Gott", sind die großen Gegensätze, zwischen denen sich Tochter und Sohn des Blinden zerreiben. Die Kinder zerbrechen m dieser Welt des lemurenhaften Gesindels, weil sie nicht den "blinden Glauben" besitzen. Der gelassene Alte aber siegt, weil seinem glanzlosen Blick die eigentliche Wirklichkeit nicht versperrt ist, vor der das Chaos sich löst. Da Ponte hat dem Blinden zwar die Illusion genommen, aber nicht den Glauben. Das Wesentliche bleibt unversehrt, Daß es unversehrt bleiben wird, weiß man von Anfang an, Die Menschen machen keine Entwicklung durch, sind lediglich Träger von Ideen und Meinungen, die sie sehr prätentiös formuHeren, In ihnen, die sich, oft am Pathos befauschen, ist nicht viel Natur. Im ganzen muß man sagen, daß Idee und szenische Verwirklichung innerlich nicht so stark verbunden sind, daß von einer überzeugenden dramatischen Dichtung gesprochen werden kann. Die erklügelte Konstruktion ließ sich auch nicht überspielen. Trotz allem: freundlicher Beifall.