Von Gerd Schulte

Du bist doch Mutters Beste, du, die Berlinerin“, hat Kurt Tucholsky gedichtet. Die Düsseldorferin ist fast so mondän wie ihre Pariser Schwestern. Und die Hannoveranerin ... Ja, die Hannoveranerin hat, so versichern die Hutmacher, eine größere Kopfweite als die anderen Damen in allen vier Zonen. Und nun frage ich mich: warum? Ja, warum? Die Frage ist nicht zu klären. Und doch würde ich gern wissen, welche Kopfweite beispielsweise Mary Wigman, Cläre Waldoff, Grethe Weiser und Hilde Hildebrand haben. Diese letzten drei, waschechte Berlinerinnen, sind nämlich Hannoveranerinnen. Hätte man das gedacht? Und die Wigman, die große Tänzerin? – Freilich, da haben wir es, das alte Sprichwort bewahrheitet sich: „In Hannover an der Leine haben die Mädchen schöne Beine.“ – Ich will ein Beispiel sagen. 1920 kam eine blutjunge Schauspielerin hierher, die in Wiesbaden ausgebildet worden war und in Kiel ihre ersten Rollen gespielt hatte. Sie war aber mit Leinewasser getauft und hatte die hübschesten Beine, die man sich denken kann. Sie entpuppte sich als das, was man am Theater eine grande utilité nennt. Sicher in der Attitüde, mit den Beinen witzig und gewandt, schritt und tänzelte sie über die Bretter und geradeswegs in das Herz des Publikums hinein, wo sie auch jetzt noch ihre bleibende Stätte hat. So ist es kein Wunder, wenn Fridel Mumme neben dem Café Kröpcke, dem Marktkirchturm und der Keksfabrik Bahlsen zu den liebenswertesten Wahrzeichen gehört.

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Ja, das Theater! Der Chefintendant, Kurt Ehrhardt, ist Regisseur und Schauspieler. Ein Schauspieler von hohem Rang, ein Spielleiter von allerlei Graden. Als er kam, geriet die ganze plüschverträumte Hoftheatertradition, die Hannover in so bemerkenswerter Weise auszeichnete, ins Wanken. Im Verein mit dem Bühnenbildner Rudolf Schulz, der stärksten künstlerischen Potenz des Theaters, kamen Aufführungen zustande, die in ihrer spirituellen Sachlichkeit und in ihrer entschiedenen Absage an jeden Illusionszauber auf Hannover hätten abschreckend wirken müssen. Das Gegenteil war der Fall: sie wirkten anziehend, und nichts ist wohl bezeichnender als die Tatsache, daß Thornton Wilders – „Unsere kleine Stadt“ bei der Premiere mehr Vorhänge erzielte als „Des Teufels General“.

Merkwürdig: Hannover war mehr als einmal Ausgangspunkt und Basis für erneuerungsfreudige Künstler. Der Boden also ist da. Dennoch zeigt es sich immer wieder, daß die begabten Leute zumeist nach einiger Zeit Hannover verlassen; die Stadt vermag sie nicht zu halten. Wenn sie gehen, entwickeln sie sich und werden, wie unter anderen etwa die Waldoff, echte Berlinerinnen, oder, wenn sie bleiben, geschieht ihnen dasselbe wie dem Chef Intendanten Ehrhardt: sie werden von dem vornehmen Phlegma der Stadt aufgesogen und werden selber phlegmatisch.

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Eine merkwürdige Stadt. Trotz allem eine Stadt der großen Möglichkeiten. Da ist die Kestner-Gesellschaft, die sehr viel für die moderne bildende Kunst getan hat und tut, und endlich die Kammermusik-Gemeinde, die unter Führung ihres Vorsitzenden, Dr. Bernhard Sprengel, bewußt und kontinuierlich ihren zahlreichen Mitgliedern anspruchvollste moderne und alte Musik bietet und dabei eine Resonanz findet wie kaum eine andere in Deutschland. Ja, hier gibt es sogar etwas selten Gewordenes: eine geistig interessierte und beinahe zwanglos organisierte Gesellschaft.