Von Johann Frerking

Im Anfang war, wie anderswo auch, die Schulkomödie der Lateinschüler im Festsaale des Rathauses oder auf dem Marktplatz. Erfolgten die englischen Komödianten und ihre deutschen Nachahmer; 1661 hat man den Hannoveranern das Spiel vom Doktor Faust vorgeführt. Dann trat der Hof in Aktion: im herzoglichen Ballhof gab es 1672 die erste italienische Oper. Zehn Jahre später – so sagen die Akten – gab es auch eine Gesellschaft französischer Schauspieler. Die Eröffnung des neuerbauten, dem Leine-Schloß angegliederten Opernhauses im Jahre 1689 leitete eine kurze Zeit hohen Glanzes ein. Dieses Opernhaus wird „von allen Reisenden als eine Rarität besehen, sintemal dasselbe sowohl der Malerei als der Einrichtung wegen das Beste von ganz Europa ist... Und zahlet allda kein Mensch, sondern der Churfürst tut alles auf seine Kosten, denen Leuten in der Stadt als denen bei Hofe ein Vergnügen zu machen“. Nach dem Tode des ersten Kurfürsten 1698 ging die Oper ein, und als das Haus Hannover 1714 nach London übersiedelte, verlor auch die französische Komödie ihr Publikum.

Als fünfzig Jahre später mit den reisenden Schauspielgesellschaften der Ackermann, Abel Seyler, Fr. L. Schröder eine neue Epoche des deutschen Theaters angebrochen war, hatte sich die hannoversche Situation völlig verändert. Das gebildete Bürgertum, in dem die sogenannten „hübschen Familien“ den Ton angaben, hatte die Führung übernommen und erwies sich als besonders empfänglich für die neue Kunst, die zuerst im Ballhofe, später auch auf dem Schloßtheater erschien. Für den leidenschaftlichen Anteil vor allem der Jugend gibt es ein drastisches Zeugnis: Nach zwei längeren Gastspielen der Schröderschen Truppe, die im Frühjahr 1776 und im Winter darauf Shakespeare, Molière und die Erstlinge des deutschen „Sturms und Drangs“ dargeboten hatte, sind nacheinander fünf Primaner des Gymnasiums durchgegangen, um Schauspieler zu werden; der eine war der später so berühmte Darsteller August Wilhelm Iffland, ein anderer Karl Philipp Moritz. Der große Schröder, der zwischen 1763 und 1786 immer wieder hier aufgetreten ist, hat nachmals bezeugt, er habe „bei keinem andern Publikum des Nordens mehr Lebendigkeit und richtige Empfindung angetroffen und nirgends die Komödie vom gemeinen Mann so anhaltend gut besucht gefunden wie hier“. Sein Nachfolger, G. F. W. Großmann, von Frankfurt her Mutter Goethes „lieber Gevatter“, ist dann in Hannover seßhaft geworden und nach zehnjährigem Wirken hier gestorben. Einer seiner Nachfolger, Franz von Holbein, nachmals Laubes Vorgänger an – der Wiener Burg, hat am 8. Juni 1829, wenige Monate nach dem Braunschweiger Klingemann, als zweiter deutscher Theatermann Goethes „Faust“ zu spielen unternommen.

Der Anteil des „gemeinen Mannes“ ist durch das neunzehnte Jahrhundert hin immer gewachsen. Schon in der Biedermeierzeit haben theaterfreudige Bürger sich zum „Thalia-Verein“ zusammengetan, der zuerst im Ballhof einzelne Vorstellungen veranstaltete, im Jahre 1851 aber sich kühn entschloß, ein eigenes Theater an der Marktstraße zu errichten. So wurde zur selben Zeit, da Laves im königlichen Auftrag den neuen monumentalen Theaterbau an der Georgstraße unter Dach brachte, der Grund zu dem ersten Privattheater gelegt.

Die Oper hatte dann mit Heinrich Marschner als Dirigenten, mit Joseph Joachim als Konzertmeister und Berater, mit Sängern wie Albert Niemann und Theodor Wachtel eine große Zeit, und das Schauspiel verfügte ebenfalls über bedeutende Künstler wie Carl Devrient, Marie Seebach, Franziska Ellmenreich. Auch der preußische Intendant Hans Bronsart von Schellendorf hielt Oper und Schauspiel auf der Höhe, und Hans von Bülows zwei Jahre währendes Wirken als Operndirektor und Kapellmeister hat das Interesse im Für und Wider nur gesteigert.

Aber im wirtschaftlichen Aufschwung aller Dinge wurde 1879 aus der Vereinsbühne des Thaliatheaters ein öffentliches Residenztheater, und seine Leiter spielten alles, wovor die konservative königliche Bühne sich verschloß: die modernen Franzosen und die deutschen Tagesgrößen, dazu die Pariser und Wiener Operette. Und sie hatten ein großes Publikum. Die Oper, die Klassiker und die harmlosesten Gesellschaftslustspiele verblieben an der Georgstraße; das neue Drama und die moderne Schauspielkunst fielen an die Privatbühnen. Neben dem Residenztheater fanden auch das 1900 gegründete Deutsche Theater und die zehn Jahre später erbaute Schauburg noch ausreichenden Spielstoff und genügendes Auskommen.

Im Zuge der politischen Umwälzung kam das Königliche Theater an die Stadt, die dann auch die Schauburg erwarb. Das Residenztheater fiel der Inflation zum Opfer; das Deutsche Theater sank allmählich immer mehr ab und verschwand endlich ebenfalls, Die Städtischen Bühnen nutzten die veränderte Situation zunächst umsichtig und tatkräftig aus. Das Schauspiel hatte unter Rolf Roenneke einige gute Jahre; in der Oper hielt Rudolf Krasselt auf Niveau und Disziplin. Aber allmählich machte sich der Mangel an ernsthafter Konkurrenz bemerklich, und zugleich trat die Problematik der Unterstützung von öffentlicher Hand zutage, minderte die freie; Tatkraft und drückte auf Leistung und Tempo. Die Oper wahrte ihr Gesicht, aber das Schauspiel wurde unter George Altman und seinem Nachfolger Alfons Pape zusehends blasser.