Von Olav Sölmund

Die nachfolgenden kleinen Geschichten sind es wert, einmal wieder in Erinnerung gebracht zu werden. Seitdem ein neuer Herrschertyp, der vorgibt, volkstümlicher, einfacher und gerechter zu sein als Kaiser und Könige der Vergangenheit, den Anspruch auf Unfehlbarkeit erhebt und jeden leisen Zweifel an seiner Gottähnlichkeit mit den unmenschlichsten Strafen ahndet, hat besonders die jüngere Generation der Staatsbürger keine Vorstellung mehr davon, wieviel Kritik gerade die bedeutendsten der legitimen Herren vertragen konnten. Ihre Autorität stand auf dem festen Fundament echten Gerechtigkeitsgefühls und geistiger Überlegenheit. Selbst wenn die eine oder andere dieser Geschichten nur eine unverbürgte Anekdote wäre, würde ihr Wahrheitswert darum nicht fraglich sein. Denn die Anekdote bezeichnet immer das Charakteristische einer Persönlichkeit.

*

Über Kaiser Maximilian (1459–1519), dessen politische Unternehmungen und manchmal phantastische Pläne meist von der chronischen Ebbe in seiner Kasse durchkreuzt wurden, zirkulierten zahlreiche Spottschriften. Als sein Hofnarr Kunz von der Rosen ihm wieder einmal eine solche zur Tafel brachte, sagte der Kaiser zu dem Kaufherrn Fugger: „Dergleichen Schmachlieder sind so schnell vergessen als sie aufkommen. Keines dauert so lange wie das Lied ‚Christ ist erstanden‘, das man nun schon fünfzehnhundert Jahre singt.“ Auf einem Augsburger Reichstag wurde ihm sein Bildnis gemalt, in Holz geschnitten, in Kupfer gestochen, in Metall gegossen, in Wachs und Gips geformt, aus Pfefferkuchenteig gebacken, feierlichst überreicht. „Hilf Gott“, rief Max, als er die Fülle der Möglichkeiten, seine Nase zu formen, sah, „welch kunstbeflissen Volk lebt hier! Wer immer eine große, krumme Nase machen kann, kommt, mir damit zu dienen!“

Um die Zeit, als Tilly Magdeburg belagerte, erschien eine bösartige Spottschrift auf Johann Georg I. von Sachsen. Man brachte den Verfasser, der sich durch Reden verraten hatte, nach Dresden, wo ihn Georg vor den Staatsrat führte. Nach der Verlesung des Schriftstücks sezte der Kurfürst dem zitternden Menschen, der sein Leben verwirkt glaubte, die Gründe seiner Handlungsweise der Reihe nach auseinander und sagte: „Nun hast du gehört, warum ich so und nicht anders gehandelt habe, wenn es auch weder dir noch deinesgleichen gefallen mag. Leute wie dich um Rat zu fragen, ist mir nicht vonnöten. In Zukunft spare deine Worte, damit dich deine vorwitzige Zunge vor Unglück bewahre!“ Damit gab er den Mann frei.

*

Ein verabschiedeter Offizier Friedrichs des Großen, der, ohne Unterstützung, mit seiner Familie in größte Not geraten, war, schrieb eine Schmähschrift wider den König. Diese war so bitter, daß Friedrich, der sonst auf derlei Druckwerke nicht achtete, fünfzig Dukaten Belohnung auf die Entdeckung des Verfassers setzte. Der Offizier meldete sich selbst dem König und bat um die ausgesetzte Summe, um damit seine hungernde Familie zu retten. Friedrich fuhr in barsch an: „Fort aus meinen Augen, nach Spandau! Dort sollt Ihr Euren Lohn haben!“ Dem Bestürzten wurde ein versiegeltes Schreiben an den Festungskommandanten eingehändigt. Zu seiner Überraschung verkündigte man ihm dort den Inhalt des königlichen Schreibens: „Ich übergebe das Kommando von Spandau dem Überbringer dieser Order. Seine Frau und Kinder werden mit den fünfzig Dukaten baldigst nachkommen!“