George Bernard Shaw war der Weltanschauung nach ein Sozialist, in der Praxis aber ein sehr erfolgreicher Kapitalist, bemerkten die „New York Times“ zum Testament des Dichters, das vor einigen Tagen veröffentlicht wurde. Shaw hinterließ nicht weniger als 367 000 Pfund Sterling, ungefähr vier Millionen Mark.

Den größten Teil seines Vermögens hat G. B. S. in seinem Testament dem Steckenpferd seiner letzten Lebensjahre gewidmet, nämlich der Förderung eines neuen Alphabets für die englische Sprache, das mit vierzig Zeichen für jeden vorkommenden Laut gerüstet und nicht darauf angewiesen ist, manche Laute durch komplizierte Kombinationen von Zeichen auszudrücken. Zu diesem Zweck soll eine Serie von Untersuchungen angestellt werden, um zu erfahren, wie viele Menschen auf der Erde Englisch sprechen, wieviel Zeit sie verlieren, um Englisch in den sechsundzwanzig Zeichen des alten Alphabets schreiben zu lernen, welcher Verlust an Arbeitskraft und Einkommen dadurch entsteht und so weiter. Das Testament sorgt dafür, daß ein Sprachexperte mit der Aufgabe betraut wird, Shaws „Androklus und der Löwe“ in das neue Alphabet zu übersetzen und dann zum Vergleich zusammen mit dem alten Text zu publizieren. Shaw wünscht dabei, daß „für jeden Laut ein Symbol“ gilt.

Ein weiteres Vermächtnis von literarischer Bedeutung ist die Anordnung, daß Shaws Briefwechsel „mit der verstorbenen hervorragenden Schauspielerin“ Mrs. Patricia Campbell zu veröffentlichen ist. Frau Campbell, die 1940 verstorben ist, hatte in ihrem eigenen Testament den Wunsch ausgesprochen, daß die Briefe und Gedichte unter dem Titel „Die Liebesbriefe Bernard Shaws an Mrs. Patricia Campbell“ als Buch erscheinen sollten. Einige andere Bücher hat Shaw der Fabian Society, die den britischen Sozialismus förderte und deren führendes Mitglied G. B. S. in jungen Jahren war, zur weiteren Herausgabe überlassen, um der Gesellschaft den Gewinn zuzuführen.

Shaw hat eine Anzahl von Legaten ausgesetzt, zwischen 52 und 500 Pfund jährlich, besonders an verschiedene Mitarbeiter und Angestellte. Die höchste Rente von 500 Pfund (6000 DM) erhielt seine Sekretärin, Miss Blanche Patch, die kürzlich das Buch „Dreißig Jahre mit G. B. S.“ publizierte. Gegenüber seinen Schuldnern war Shaw, der sich oft über die zahlreichen Hilferufe geärgert hatte, die an ihn gerichtet wurden, überaus gnädig: er wies den Testamentsvollstrecker an, keine Forderungen einzuziehen, die nicht durch Sicherheiten gedeckt sind. Auch sonst zeigte er sich in seinem letzten Willen schonungsvoll. Er ordnete an, daß bei der Veröffentlichung seiner Tagebuchnotizen auf die Gefühle lebender Personen Rücksicht genommen werden müsse, fügte aber hinzu, daß „nichts unterdrückt zu werden braucht, um meinen eigenen Charakter oder mein eigenes Verhalten weißzuwaschen“.

Shaw, der sich in den letzten Jahren oft beklagte, er sei hauptsächlich nur noch Steuereintreiber im Auftrag der britischen Steuerbehörde, hatte nach seinem Tod noch einmal einen großen Betrag an den Finanzminister zu überweisen: die Erbschaftssteuer wurde mit 180 571 Pfund Sterling festgesetzt. F.