Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, Anfang April

Die Städte Nürnberg, Passau und Bamberg stehen bei den Ostberliner Zeitungen zur Zeit hoch in Ehren. Weil in ihnen Versammlungen stattgefunden haben, in denen aus Gründen der Preispolitik oder ähnlicher Anlässe böse Worte gegen die Bundesregierung fielen, wurden sie für den kommunistischen Staat zur „Avantgarde gegen den amerikanischen Rüstungskapitalismus“.

Dies ist nur ein Beispiel für die Beweglichkeit, mit der,der kommunistische Apparat nach Westdeutschland hin arbeitet. Dabei ist bemerkenswert, wie sich die Aktivität der kommunistischen Organe in der Sowjetzone selbst neuerdings verringert hat infolge der Umschaltung auf die Bundesrepublik. Dieser Aufgabe, den Weg nach Westdeutschland zu erschließen, widmen sich jetzt fast alle „Aktiv-Abteilungen“ der SED-Zentrale,

Mit besonderer Aufmerksamkeit beobachten die Sowjets dabei, ob und was von der Bundesrepublik gegen diese Propaganda und Infiltration unternommen wird. Sie haben in der vorigen Woche dem Besuch des Berlinausschusses des Bundestages in Berlin besonderes Interesse zugewandt. Als sie hörten, daß das Projekt erwogen wird, entweder den zerstörten deutschen Reichstag unmittelbar an der Sektorengrenze als ein Mahnmal für die deutsche Einheit wiederaufzubauen oder ein neues Gebäude gleichen Zweckes zu errichten, bestellten sie sogleich ihre Sowjetdeutschen Funktionäre zu sich, um ihnen aufzutragen, nach einem traditionellen deutschen Symbol im östlichen Teile Berlins zu suchen, das eine gleiche politische Anziehungskraft auf Gesamtdeutschland haben könnte.