Die Paraphierung des Schuman-Planes und das Memorandum der Bundesregierung zur Montan-Neuordnung haben die Landesregierung in Düsseldorf und die Industriewirtschaft des Reviers vor vollendete Tatsachen gestellt. Zweifellos ist Nordrhein-Westfalen das mittel- und unmittelbar von diesen jüngsten Strukturverschiebungen am stärksten betroffene Land des Bundes. „DIE ZEIT“ führte zu Ostern mit Wirtschaftsminister Dr. Sträter ein Gespräch über das politische und wirtschaftliche Ereignis „Montan-Union“, in dessen Verlauf sich zeigte, daß Düsseldorf nach einem Ausgleich zwischen den europa-politischen Chancen und den drückenden nationalwirtschaftlichen Zugeständnissen sucht.

DIE ZEIT: Wir möchten Sie, Herr Dr. Sträter, um Ihr Urteil zu der politischen Arbeit des Bundeskanzlers und seines Staatssekretärs Prof. Dr. Hallstein in Sachen Schuman-Plan bitten, und zwar nicht nur in Ihrer Eigenschaft als Wirtschaftsminister des Industrielandes, sondern auch als Politiker und stellvertretender Ministerpräsident des Landeskabinetts.

Der Wirtschaftsminister: Der Schuman-Plan ist eine politische und eine wirtschaftliche Vereinbarung. Zu seiner politischen Konzeption sage ich, mit einigen inneren Vorbehalten, ein eindeutiges Ja. Seine wirtschaftlichen Bedingungen kann ich zunächst nur mit größter Zurückhaltung betrachten, da mehrere dieser Bedingungen mir abänderungsbedürftig erscheinen. Zudem liegt uns hier bis zur Stunde der endgültige Wortlaut des Vertrages noch nicht vor.

DIE ZEIT: Sehr viele Deutsche, die versuchen, ernsthaft an das Werk des Schuman-Plans heranzugehen, empfinden diese Doppelgleisigkeit, ohne sie hinreichend begründen zu können. Wir wären Ihnen für die Darlegung Ihres Standpunktes dankbar...

Der Wirtschaftsminister: Meines Erachtens werden die Straßburger Versuche, ein politisches Europa zu schaffen, solange scheitern, bis nicht auf bedeutsamen ökonomischen Gebieten sichere Plattformen des Miteinanderlebens der Völker geschaffen sind. Wir sollten in Deutschland den Schuman-Plan als eine solche Plattform ansehen und mit dieser Auffassung auch überzeugend innerhalb der westlichen Völker dieses Kontinentes auftreten. In der Geschichte hat ein großes Volk, wenn es seine Zukunft mitgestalten will, unter Umständen geradezu die Verpflichtung, politische und ökonomische Vorleistungen zu bringen. Der Schuman-Plan mit seinen drückenden wirtschaftlichen Konditionen ist eine solche ganz große Vorleistung, die aber auch vom Ausland mit großem Ernst als echtes deutsches Opfer begriffen werden sollte.

DIE ZEIT: Muß der Deutsche nicht skeptisch sein, wenn er bereits wenige Tage nach der Paraphierung die amtliche Version der belgischen Regierung liest, daß die Paraphierung des Kohle –Stahl-Vertrages Belgien nicht festlege, und wenn der belgische Außenhandelsminister Maurice in einer Pressekonferenz zum Vertrag klärte: „Er ist eine Verhandlungsbasis für Beratungen der Minister, und wir sind der Auffassung, daß jeder Teil des Abkommens noch abgeändert werden kann“ –?

Der Wirtschaftsminister: In der Rolle des Besiegten, in der wir heute internationale Verträge zu schließen haben, müssen wir nüchtern damit rechnen, gelegentlich überspielt zu werden. Das Funktionieren des Schuman-Plans hängt ausschließlich von dem Geist ab, mit dem er praktiziert wird. Krämerhafte Konkurrenzpolitik und der „Siegergeist“ könnten die große Konzeption für die europäische Zukunft ebenso schnell zerstören, wie besonnenes europäisch-wirtschaftliches Denken, und Handeln den Erfolg gewährleistet.