Auf Goldgrund stellten mittelalterliche Künstlergern das Heilige dar; es auf Kotgrund darzustellen, wird gegenwärtig Mode. Zwar ist der Ahnherr und Großmeister dieser Kunst, Léon Bloy, kein Zeitgenosse mehr. Sein Roman „La femme pauvre“ erschien bereits 1897. Daß der katholische Pfarrer und Kulturhistoriker Karl Pfleger vor rundanderthalb Jahrzehnten Bloys wüste Werke bei uns einzuführen versuchte – wobei er den Autor als „Pilger des Absoluten“ pries und interpretierte –, wirkte sich nur in recht kleinen Kreisen aus. Neuerdings nun hat Ernst Jünger in den „Strahlungen“ eine seiner damaszierten Lanzen für Léon Bloy gebrochen. Ergebnis: „La femme pauvre“ erscheint in deutscher, von Clemens ten Holder genial übersetzter Ausgabe unter dem Titel „Die Armut und die Gier“ bei Ernst Klett, Stuttgart. Jünger-Zitate werben auf dem Schutzumschlag für Bloy. Das Buch ist maßlos in jeder Hinsicht. Seine Gestalten treten entweder als letzter, ekelhaftester Abschaum auf oder als Heilige, deren Hauptqualität im Fluchen, Drohen, Verwünschen und Totbeten ihrer Mitmenschen besteht. Wohl nie sind Menschen mit so viel Haß, Wut, Abscheu und Unflätigkeit gesehen und beschrieben worden wie in diesem Buch. Ein Held des Buches wird als „Wortgewaltiger aus Dreck und Feuer“ bezeichnet, das darf man auch auf den Autor selber anwenden. Er schmiert eine großartige Jeremiade des Ekels und des Ärgers aufs Papier, und der Anlaß zu alledem ist die Enttäuschung, nicht mehr im Mittelalter zu leben.

Geringeren Formats als Léon Bloy ist sein moderner holländischer Kollege Dirk Ouwendijk, dessen Roman „Die satanische Trinität (Bastion Verlag, Düsseldorf) ganz auf das Wort „Modder“ eingestellt ist, das in jeder Kapitelüberschrift und überdies noch mannigfach im Text vorkommt. Auch bei ihm wandeln zwei Heilige durch das Buch, daneben zwei leidlich brave Kreaturen, im übrigen aber nur Satane, Verbrecher, Sadisten und Wahnsinnige. Der Held des Buches, ein reicher, gelangweilter Rechtsanwalt, beschließt das Böse und beginnt es systematisch auszuführen. Seine Umwelt kommt ihm dabei verschwenderisch entgegen. Zum Schluß ist der Mann bereit, den Pastor aufzusuchen, den ihm das von ihm geliebte, kühle Mädchen bereits zu Beginn des Buches empfiehlt. „Habe ich es wirklich gesagt? Ich weiß es nicht: ‚Pastor!‘...“ Damit schließen die 486 Seiten. Man darf fragen, ob denn irgendwo auf Erden der Befund je so vorlag wie bei Bloy und Ouwendijk: Fast alle Menschen bewußte Höllenhunde, das ganze Leben nichts als Pech und Schwefel, dafür aber hier und da ein blütenweißer Heiliger, der sich entrüstet. Geht es in Wahrheit nicht gemischter zu? Herbert Fritsche