Von Oberstadtdirektor Karl Wiechert

Hannover ist eine sehr junge Landeshauptstadt, doch schon seit langem Kopf und Herz des niedersächsischen Raumes. Hier treffen sich von jeher die Kraftlinien des niedersächsischen Landes. Die Entwicklung zu dieser Rolle Hannovers als Mittler und Mittelpunkt der wirtschaftlichen, geistigen, kulturellen und auch politischen Interessen eines so vielfältigen Gebietes, dessen Grenzen von den Bergen des deutschen Mittelgebirges bis zu den Küsten der Nordsee reichen, wurde in erster Linie durch seine Verkehrslage beeinflußt: die Stadt liegt im Schnittpunkt bedeutender internationaler Verkehrslinien, die den Westen Europas mit dem Osten und die skandinavischen Länder mit den Ländern Südeuropas verbinden.

Diese Lage ist vor allem die Ursache dafür, daß sich frühzeitig ein blühender Handel entwickelte, daß sich hier große Industriebetriebe, Versicherungsunternehmen, Banken, ein vielseitiges Gewerbe und auch große Organisationen der Wirtschaft, des Handels und des Handwerks ansiedelten. Neben ihnen haben viele auswärtige Industrieunternehmen Zweigniederlassungen in Hannover gegründet. So ergibt sich heute in der Stadt ein außerordentlich vielseitiges Bild wirtschaftlicher Tätigkeit, das zu einer selbst in Krisenzeiten verhältnismäßig guten Ausgeglichenheit der Arbeitsmarktlage geführt hat. Die großen Industrieunternehmen sind weit über eine rein örtliche Bedeutung hinausgewachsen. Ihre Erzeugnisse haben sich durch ihre Qualität in aller Welt einen Namen gemacht. Zu ihnen zählen in erster Linie Continentalreifen, die Maschinen und Schlepper der Hanomag, Bahlsen-Keks, Lindener Samt, die Pelikan-Erzeugnisse und Grammophon-Schallplatten.

Was hier zum Teil in jahrhundertelanger Arbeit zu hoher Blüte gekommen war, wurde während des Krieges in wenigen Näthten zerschlagen. Die Einwohnerschaft, 1939 hatte sie mit 472 000 ihren bisher höchsten Stand erreicht, verlor Wohnungen und Arbeitsstätten. 1945 waren nur noch 217 000 Menschen in den Trümmern zurückgeblieben. Lediglich 6 v. H. aller Wohnungen waren heil, über die Hälfte zerstört und die übrigen mehr oder weniger beschädigt. Die Einwohnerschaft Hannovers aber ist voller Entschlossenheit an den Wiederaufbau ihrer Arbeitsstätten, Wohnungen und vieler anderer Bauten gegangen. Dabei ist Hannover ein gutes Stück vorangekommen. Das wird von Besuchern der Stadt oft bestätigt. Wir wollen nicht verhehlen, daß wir dieses Urteil gern hören; denn der Erfolg ist die Frucht harter Arbeit. Tausende von Wohnungen sind aufgebaut oder neu geschaffen. Das Tempo des Wohnungsbaues hat sich erfreulicherweise ständig gesteigert; im letzten Jahr wurde der in der Geschichte Hannovers bisher höchste Neuzugang an Wohnungen um das Doppelte übertroffen. Dennoch hat der Wohnungsbau mit dem ständigen Anwachsen der Bevölkerungszahl (monatlich um 2000) kaum Schritt halten können. Inzwischen leben wieder 453 000 Menschen in Hannover. Um ihnen ein Heim geben zu können, fehlen noch 60 000 Wohnungen, ein Problem, dessen Lösung die Stadt noch auf Jahre hinaus vor große Schwierigkeiten stellen wird.

Die Erfolge sind jedoch deutlich sichtbar. Überall schließen sich Baulücken, wachsen neue Straßenzüge und ganze Siedlungen. An dem erfreulichen Ergebnis der Bemühungen der Stadt haben die Aufbaugemeinschaften, die aus der Initiative der Einwohnerschaft heraus entstanden sind, wertvollen Anteil. Sie sind Zweckgenossenscharten, die sich nach Abschluß ihrer Aufgabe wieder auflösen. Ihr Ziel ist, eine gesunde Planung, eine vernünftige Grundstücksumlegung und die Errichtung von Großbaustellen, um auf diese Weise das Bauen rationeller zu gestalten. Zugleich sind die Aufbaugemeinschaften und die erreichten Leistungen ein sichtbares Zeichen für die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit aller am Wiederaufbau beteiligten Kräfte des Rates, der Stadtverwaltung und der Einwohnerschaft.

In der Innenstadt sind imposante Büro- und Geschäftshäuser entstanden, die mit einer Kette eleganter Läden der Stadt ein neues und großzügiges Gepräge geben. Hier schlägt das Herz der Landeshauptstadt. Hand in Hand mit dem Wiederaufbau von Wohnungen und Arbeitsstätten geht eine grundlegende Verbesserung der Verkehrsverhältnisse. Straßen und Plätze werden umgebaut und erweitert, um den Anforderungen des sich ständig steigernden Großstadtverkehrs gewachsen zu sein. Alle Maßnahmen zusammen tragen dazu bei, Hannover ein neues Gesicht zu geben, nicht das einer Großstadt schlechthin, sondern das der Landeshauptstadt Niedersachsens und das der wirtschaftlichen Zentrale eines weiten Gebietes. Es ist das Bestreben der Stadtplaner und Architekten, das Neue um die Bauten und Anlagen früherer Zeiten zu gruppieren und eine harmonische Verbindung zu finden zwischen den ehrwürdigen Zeugen einer reichen geschichtlichen Vergangenheit und den Schöpfungen unserer Tage.

Was aber wäre Hannover ohne seine vielen Grünanlagen, die der Stadt den Beinamen „Großstadt im Grünen“ eingetragen haben? Mit Eifer ist man an ihre Wiederherstellung gegangen. Zu der in wenigen Wochen beginnenden Bundesgartenschau werden die Grünanlagen fast ausnahmslos in neuer Schönheit erstanden sein. Das gilt vor allem für die weltberühmten Herrenhäuser Gärten, dem einzigartigen Schmuck Hannovers. Auch seinen Ruf als Hochschulstadt hat Hannover über Kriegs- und Nachkriegszeiten erhalten und erweitert. Es beherbergt heute die Technische Hochschule, die Tierärztliche Hochschule, die Pädagogische Hochschule und neuerdings auch eine Hochschule für Gartenbau und Landeskultur.