Von Dr. Kurt Ihlefeld, Hannover

Im Jahre 1950 war Niedersachsen an derGesamtausfuhr des Bundesgebietes mit 592,3 Mill. DM oder 7,1 v. H. beteiligt. Die Steigerung gegenüber dem Vorjahr betrug über 150 v. H. Besonders erfreulich war die Verstärkung der Ausfuhr von lohnintensiven Fertigwaren gegenüber Rohstoffen und Halbfabrikaten. Der Anteil der Fertigwarenausfuhr Niedersachsens belief sich in Jahre 1950 auf rund 73 v. H. der Gesamtausfuhr, gegenüber nur 65 v. H. im gesamten Bundesgebiet. Er lag also weit über dem Durchschnitt. Schon daraus, geht hervor, daß sich die niedersächsische Wirtschaft vornehmlich durch die Produktion von Qualitätserzeugnissen auszeichnet. Bereits kleine Ausschnitte aus der vielfältigen Erzeugung, auf die kurze Schlaglichter geworfen werden sollen, zeigen deutlich, wie es dank vorausschauender Unternehmerinitiative und durch sahen nicht zu entmutigenden Fleiß gelungen ist, Industriewerke von internationaler Bedeutung aufzubauen.

Der Wahlspruch „Strebe nach Vollkommenheit!“ stand über dem Arbeitsplatz des Apothekers Johann Daniel Riedel, des Mitbegründers des längst weltbekannten Unternehmens der demisch – pharmazeutischen Industrie Riedelde Haen AG in Seelze bei Hannover. Als er 1343 seine Augen schloß, enthielt die Preisliste seines Betriebes bereits 570 verschiedene Waren und Präparate. Bald darauf wagte man sich an ein damals noch unerschlossenes Gebiet: die Herstellung von synthetischen Heilmitteln. 1861 richtete der spätere Kommerzienrat und Dr.-Ing. h. c. Dr. E. de Haen in einer Scheune in List bei Hannover ein Laboratorium ein. Sein Weitblick läßt ihn 1902 als Standort für sein künftiges Werk ein Gelände bei Seelze aussuchen. Nachdem Werk den Inflationsjahren 1923 die Riedel-AG. das Aktienkapital der de Haen-AG. erworben hatte, erfolgte fünf Jahre später die Fusion beider Unternehmen unter Umwandlung desNamens in J. D. Riedel-E. de Haen AG. Seitdem datiert der Aufstieg zu einem Weltunternehmen, das sich in den folgenden Jahren an zahlreichen anderen Gesellschaften beteiligen konnte, und dessen Produktionsprogramm längst eine Fülle von verschiedenen Erzeugnissen umfaßt. Der Krieg brachte außer der Zerstörung des Berliner Werkes den Verlust aller Auslandspatente und umfangreicher Auslandsniederlassungen. Die Hauptfabrikation und die Hauptverwaltung wurden nach Seelze verlagert, und dort finden heute schon wieder 1100 Menschen Beschäftigung.

Ausgesprochene Präzisionserzeugnisse liefert die Armaturen-, Meßgeräte- und Wassermesserfabrik Dreyer, Rosenkranz & Droop AG in Hannover, die 1870 gegründet wurde und heute ehe Belegschaft von 600 Mann hat. In enger Zusammenarbeit mit der chemischen Industrie hat sie es seit vielen Jahrzehnten verstanden, ihre Erzeugnisse in bezug auf Meßgenauigkeit und Betriebssicherheit den Anforderungen der Technik abzupassen. Der Bau von Indikatoren wird seit der Gründung gepflegt und ihre Konstruktion entsprechend den Fortschritten im Maschinenbau weiterentwickelt.

Fast zu derselben Zeit, im Jahre 1871, gründete der spätere Kommerzienrat Louis Eilers in Hannover eine Fabrik zur Herstellung von Eisenbauten, die noch heute als reines Privatunternehmen von der dritten Generation geleitet wird. Nach Überwindung der schweren Krisenzeit zu Anfang des Jahrhunderts, folgten dicht aufeinander außerordentlich bedeutsame Aufträge, wie im Jahre 1910 der Hauptbahnhof Leipzig, damals der größte in Europa, 1911 die Schwebefähre über die Hafeneinfahrt von Rio de Janeiro, 1917 die erste Brücke aus hochwertigem Stahl bei Hochdonn über den Kaiser-Wilhelm-Kanal und nach dem ersten Weltkrieg die Brücke über den Kleinen Belt, seinerzeit die grüßte Brücke auf dem Kontinent. Aus der jüngsten Zeit ist die „Europahalle“ auf dem hannoverschen Messegelände, mit 13 000 qm frei überspannter Fläche die größte Halle in Stahlkonstruktion, zu erwähnen. Im Export ist es gelungen, nach dem Zusammenbruch wieder, größere Aufträge aus der Türkei, Jugoslawien, der CSR, Schweden und Spanien zu erhalten. – Auch die hannoversche Stahlbaufirma Hermann Rüter, aus einer kleinen Schlosserei in der Altstadt hervorgegangen, hat bemerkenswerte Hallen und Brücken nicht nur im Inland, sondern sogar nach Portugal und Brasilien geliefert. Obgleich das Werk erfreulicherweise im letzten Weltkrieg unzerstört blieb, ist es noch heute von der Militärregierung beschlagnahmt und liegt ungenützt brach, während der Betrieb in Ausweichhallen in Hannover-Linden arbeitet.

Feinste Präzisionsarbeit wird in den hannoverschen Geha-Werken geleistet, die von den Gebrüdern Heinrich und Conrad Hartmann im Jahre 1918 gegründet wurden. Die Werksanlagen blieben im letzten Weltkrieg erhalten, verfielen aber der Beschlagnahme durch die britische Militärregierung, die erst im vorigen Jahre aufgehoben wurde. Durch Herstellung besten Kohlepapiers bekanntgeworden, liefert das Werk heute insbesondere Spitzenerzeugnisse der modernen Vervielfältigungstechnik, so den Geha-Automat, und den Füllhalter mit Reservetank

Einen besonderen Namen hat sich durch ihre Spezialqualität „Deutsches Edelkammgarn“ die hannoversche Tuchgroßhandlung Dreyer & Grupen geschaffen. Es handelt sich um eine dreifachgezwirnte reinwollene Kammgarnqualität, die beiVerarbeitung hochwertigster Garne ausgezeichnete Tragfähigkeit und besondere Eleganz garantiert. Von den Absatzmärkten im Ausland, die vor dem Kriege beliefert wurden, sind heute nur noch Skandinavien und die Schweiz erhalten geblieben. Es werden neuerdings bedeutende Quantitäten nach Südafrika, nach dem Mittleren Osten und auch nach Südamerika geliefert. Gelegentlich der Kopenhagener Mustermesse im März dieses Jahres konnte die Firma besonders gute Erfolge verzeichnen.